April 1945 und Besatzungszeit
Zusammengestellt von Eberhard Schneider, dankenswert unterstützt von Hans App, Josef Dolpp, Werner Geiselhart, Hanne Skersies, Alfred Zwick.
Die Vorzeichen eines sich nahenden Endes
Ab Mitte April waren auf der R 311 durch Unlingen hindurch deutsche Einheiten auf dem Rückzug vor den anrückenden französischen Streitkräften, die am 31. März 1945 den Rhein überschritten hatten. Die sich vermehrt zurückziehenden Wehrmachtsteile zeigten unbestimmt, dass sich offensichtlich die Front näherte.
Vermehrt flogen Bomberverbände über das nördliche Oberschwaben. Bei Luftangriffen auf den Zugverkehr der Donautalbahn wurden Lokomotiven und Bahnwaggons beschossen. Mehrere Züge blieben liegen, brauchbare Waren wurden von der notleidenden Bevölkerung mitgenommen (Zwiefaltendorf, Mäntel; Unlingen, Decken).
Mit den Schülern wurden während der Unterrichtszeit das Verhalten bei Fliegeralarm eingeübt. Dabei suchten die Klassen mit Lehrer Scherrbacher den Keller des ehemaligen Klosters auf („Reservistenkeller“). Zur Übung gehörte auch der Ausstieg über Leitern durch die Fenster.
Zwei große Messkelche und eine Patene wurden Raimund Seifried (Mesner), Joseph Pfaff und Wilhelm Selig in die Gruft der Klosterkapelle gebracht und in einer der Grablegen versteckt. Dort bleiben die Gerätschaften, wohl vergessen, bis 1978. Anton Ehrlich begutachtete damals die Gruft und ein Begleiter entdeckte die Kelche und die Patene. Pfarrer Haug ließ sie wieder herrichten.
Auch von einer Bautruppe der Organisation Todt, die einige Tage in der Scheune des Gasthauses „Neues Haus“ untergebracht waren, wird berichtet.
Die Zeppelin-Oberschule für Jungen aus Stuttgart wurde vor zwei Monaten evakuiert. Die Schüler und ihre Lehrer kamen nach Riedlingen, Grüningen, Uttenweiler und Unlingen. Mit Herrn Oberstudienrat Heintel kamen Schüler des 10. Schuljahres nach Unlingen.
Die etwas über ein Dutzend Jungen und ihr Lehrer wurden in Privatquartieren untergebracht. Herr Heintel wohnte bei Familie Kräutle (Hindenburgstraße), Otto Funk bei Familie Geiselhart (Hirschstraße). In der Kernmühle waren zwei Schüler untergebracht. Morgens war für die Stuttgarter schulfrei, der Unterricht fand für sie nachmittags in einem leerstehenden Schulraum im Westflügel der Klostergebäudes statt (der später so genannten Mittelklasse).
Die amtlichen Unterlagen geben keine Auskunft wie viele Flüchtlingen und Evakuierte im dörflichen Unlingen Schutz und Hilfe fanden.
Evakuierte aus dem Ruhrgebiet waren ab 1943 in Wohnungen des Klosterhofes und in Privathäusern untergebracht. Aus Essen wurden zwei Frauen mit zwei Kindern im Haus Geiselhart untergebracht (Name Frühbeis). Im Nachbarhaus bei Familie Maier ebenfalls zwei Frauen und zwei Kinder. Frau Mertens mit 6 Kindern war hatte Wohnraum im Haus neben der Metzgerei List.
Es war allen klar, dass der Krieg sehr bald auch Unlingen direkt und hautnah erreichen würde. Trotzdem gab es für die meisten Unlingen Einwohner keine Alternative als zu bleiben und den Feind zu erwarten. Eine Möglichkeit zur Flucht gab es für die wenigsten. Wer hatte schon eine geeignete Transportmöglichkeit. Nur die Besitzer von leichten Pferdefuhrwerken hätten flüchten können. Es ist kein derartiger Fall bekannt.
Quelle 1: Das Kriegsende 1945, Hans Willbold, Federseeverlag, 1995
21. April
Die französischen Streitkräfte hatten Balingen, Rottweil eingenommen und Tuttlingen erreicht. Bei Mühlheim überschritten sie die Donau und stießen auf der südlichen Seite der Donau bis Stockach vor.
Obergefreiter Paul Munding
Erkennungsmarke -448- 4./Ld.Sch.Btl. 424
Seit Juli 1941 in der Wehrmacht, bei der 4. Kompanie Landesschützen-Batailllon 424
Im September 1944 im elsässischen Hagenau stationiert, 12. Kompanie Regiment A/V
Im Januar 1945 zu einer neu aufgestellten Einheit, 12. Kompanie Grenadier-Bataillon XVIII „Oberrhein“
Beim Rückzug der deutschen Truppen im April 1945 nach Angaben der Mutter „an der Front bei Immendingen. Ab dem 21. April 1945 befand sich Obergefreiter Paul Munding im französisch kontrollierten Gebiet, 80 km vom Heimatdorf Unlingen entfernt. Während der nächsten 10 Tage versuchte er sich durch das besetzte Gebiet hindurch nach Unlingen durchzuschlagen. Er schaffte es bis zum Flugplatz von Mengen. 19 Kilometer fehlten noch bis nach Hause. Er wurde am 1. Mai 1945 aufgegriffen. Am 6.5. wurde er von Sigmaringen ins Kriegsgefangenenlager nach St. Medard gebracht. In St. Medard und St. Hipolite gehörte er zu bis zu seiner Entlassung am 15. September 1948 zu Arbeitskommandos, die in der dortigen Weinbaugegend eingesetzt wurden. Dreieinhalb Jahre in Kriegsgefangenschaft in Südwestfrankreich, dreieinhalb Jahre, die seine Mutter die kleine Landwirtschaft selber umtreiben musste.
Quelle 1: Das Kriegsende 1945, Hans Willbold, Federseeverlag, 1995
22. April
Die südlich der Donau sich befindenden deutschen Streitkräfte waren zersplittert, hatten teilweise keinen Kontakt zueinander. Kampfkräftige Verbände zur Bildung einer Verteidigungsstellung gab es nicht mehr. Die Gefechtsstände wurden etappenweise zurück verlegt.
Teile der französischen Einheiten stießen über das obere Donautal über Sigmaringen hinaus vor. Kurzfristig/Zeitweilig wurden sie an der Allee zwischen Herbertingen und Hundersingen aufgehalten. Ein anderer Panzerverband hatte allerdings schon weiter südlich über Saulgau schon Buchau erreicht.
23. April 1945, Montag
Die amerikanischen Verbände erreichten von Blaubeuren her bei Ehingen die Donau. Bei Rottenacker trafen sie auf die von Riedlingen her kommenden Franzosen. Die zersprengten deutschen Einheiten konnten nur vereinzelt das Vordringen der französischen und amerikanischen Streitkräfte verzögern.
An diesem Tag legten die Franzosen an der Donau entlang über 80 km zurück. Der Divisionsauftrag war, unbedingt und schnell, vor den Amerikanern, Ulm zu erreichen. Die politische Strategie für die provisorische französische Regierung war, durch eine weiträumige Besetzung großer süddeutscher Landesteile als vierte Siegermacht anerkannt zu werden und Mitspracherecht zu erringen. Große Bedeutung hatte insofern die Schnelligkeit, um das besetzte Gebiet möglichst weit auszudehnen. Um 19.15 Uhr erreichten die französischen Einheiten Außenbereiche von Ulm.
Umsturz in Unlingen
Zeugen sprechen davon, dass schon am Vorabend Gefechtslärm aus Richtung Westen her zu hören war. Nicht allzu weit weg bei Herbertingen wurde gekämpft. Es war klar, dass der Einmarsch der französischen Kampfeinheiten sehr bald bevorstand.
Für diesen Fall waren Maßnahmen getroffen worden.
Im September 1944 wurde durch einen Führerbefehl die Gründung des Volkssturms angeordnet, mit Organisation und Ausbildung durch NSDAP-Gauleitung. Die Volksturmeinheiten sollten die Dörfer bis zuletzt verteidigen. Die Unlinger Volksturmgruppe wurde von Mennel aus Buchay organisiert. Als Leiter dieser waffenlosen Verteidiger wurde Herr Geiselhart bestimmt. Ebenfalls zur Volksturmgruppe gehörten Xaver Buck, Xaver Ehrlich, Josef Selig und PaulStehle. Ihre Aufgabe war es auch drei Panzersperren zu errichten, an der Kreuzung Ortseingang Ehingerstraße, beim Gasthaus „Petrus“ und bei der bei der Kanzachbrücke. Übereinander gestapelte Holzstämme sollten als Sperre dienen. Senkrecht stehende Baumstämme wurden eingegraben. Die dicken waagrechten Stämme lagen bereit. Unter der Kanzachbrücke wurde eine Sprengladung angebracht.
Zwei weitere Straßensperren wurden errichtet: Beim Ortsrand an der Kreuzung Ehinger Straße/Daugendorfer Straße und beim Gasthof Petrus.
Xaver Ehrlich, Josef Selig, Xaver Buck und Paul Stukle hatten in der Nacht auf Montag Wachdienst beim Gasthaus Petrus. Um 8 Uhr morgens sollte Josef Selig abgelöst werden. Die Ablösung erschien nicht, man wusste, dass die Franzosen bald erscheinen würden. Selig machte das einzig Vernünftige, er hängte das Gewehr an den Gartenzaun und ging nach Hause.
Ein Zeuge berichtet, dass er schon am Sonntagabend zwei feindliche Soldatenfahrzeuge am Ortseingang von Riedlingen her gesehen habe. Diese seien am Montagmorgen jedoch nicht mehr da gewesen, als er wieder nachgeschaut habe.
In mehreren Höfen des Dorfes hatten die sich zurückziehenden Soldaten ihren Fahrzeugen und Fuhrwerken einquartiert. Noch am Sonntagabend waren Scheune und Stall des Hofes von Max und Georg Hermanutz an der Daugendorfer Straße Wehrmachtssoldaten samt ihren Zugtieren einquartiert. Unmittelbar vor dem Einmarsch erfuhren von der bevorstehenden Ankunft der Franzosen. Sie hatten noch nicht in Richtung Bussen das Dorf verlassen, bevor die ersten französischen Fahrzeuge auftauchten.
In den Häusern wurden Vorbereitungen für den Einmarsch der Franzosen getroffen. Viele zogen sich schon früh am Morgen in die Keller zurück, die als Luftschutzkeller ausgewiesen waren. Wer als ehemaliger Soldat es geschafft hat, sich ins heimatliche Dorf durchzuschlagen, hat sich versteckt. Otto Munding, der in einer Schreibstube in Sigmaringen seinen Kriegsdienst versah und beim Einmarsch schon zu Hause war, versteckte sich erfolgreich über mehrere Tage hinweg vergraben im Heu in der Scheuer.
3 Tote an den ersten zwei Tagen der Befreiung
Vahrenkamp Wilhelm
Rocka Anna
Funk Otto
An diesem Tag des unbedingten französischen Vorstoßes war der Schüler Otto Funke zur falschen Zeit am falschen Platz. Eine Reihe unglücklicher Umstände kostete ihn das Leben. Als Schüler des aus Stuttgart evakuierten Zeppelin Gymnasiums war er bei der Familie Geiselhart untergebracht. Er hatte vormittags keinen Unterricht. Anscheinend schlug er die Warnungen von Herrn Geiselhart in den Wind und fuhr mit dem Fahrrad aus dem Dorf hinaus in Richtung Riedlingen. Vermutlich wollte er Zigaretten organisieren, ein von Jagdbombern zusammengeschossenes Kraftfahrzeug lag zwischen Unlingen und Riedlingen. Bei Turners Garten muss er auf den schnell vorrückenden Kampfverband getroffen sein. Eine Maschinengewehrgarbe auf das Kraftfahrzeug mit der den Franzosen verdächtigen Person traf auch Otto Funke. Die Bauchschüsse waren tödlich.
Pfarrer Schoch notiert im Sterberegister
23.4.1945 Otto Funk, Schüler der 5. Klasse der Zeppelin Oberschule für Jungen in Stuttgart, z. Zt. in Unlingen, röm.-kath., ein sehr anständiger und aufgeweckter Junge, ist am Montag, den 13. April mit dem Rad nach Riedlingen gefahren, obwohl die feindlichen Panzer schon in der Anfahrt waren und sein Quartierwirt Herr Geiselhart ihm dringend abriet. Er ist allem nach in eine Maschinengewehrgarbe der feindlichen Panzer geraten und durch einen Bauchschuss getötet worden. An der Hecke, die den sogenannten Turnerschen Garten umgibt, ist er am Nachmittag des 23. April gegen 15 Uhr von Oberstudienrat Heinkel tot aufgefunden worden. Die Leiche konnte erst am 25.4. geborgen werden.
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23.4.19445 Wilhelm Vahrenkamp, Landwirt aus Oldenburg, Soldat seit 18.12.1943, Oberkanonier, ev.-luth., gefallen in einem Gefecht in der Nähe des Friedhofs von Unlingen.
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24.4.1945 Maria Rocka, seit dem 17.7.1942 landwirtschaftliche Arbeiterin bei Witwe List, Metzgerei in Unlingen, ledig, wahrscheinlich röm.-kath., aus Galizien, Volkszugehörigkeit Ukrainerin. Die französische Besatzung hatte befohlen, dass am 24. April 1945 (Dienstag), niemand das Haus verlassen dürfe. Sie meinte, als Polin nicht an dieses Verbot gebunden zu sein und wurde darum von einem Wachposten erschossen.
Alle 3 wurden zusammen mit einem 5 Monate alten Mädchen von Pfarrer Schoch in einem gemeinsamen Grab beerdigt.
Morgens gegen 9.30 Uhr fuhren die ersten Panzer der französischen Kampfgruppe ins Dorf ein. Zum Entsetzen der Dorfbewohner hing an einem Panzer auch das Fahrrad des Schülers Otto Funk.
Es wird erzählt, dass Bürgermeister Moosbrugger die Frauen des ersten Hauses am Dorfeingang beauftragt hatte, ein weißes Tuch aus dem Fenster zu hängen. Die zweihundert Meter weiter dorfeinwärts vorgesehene Panzersperre wurde nicht geschlossen. Auch die geplante Sprengung der Kanzachbrücke unterblieb.
Es wäre ohnehin eine völlig bedeutungslose Maßnahme gewesen. Die Panzer hätten sie keine Minute aufhalten können. Neben der Brücke war die Kanzach so flach, dass sogar von Kühen gezogene Fuhrwerke gelegentlich hier die Kanzach überquerten. Die Vernunft auf Seiten der einfachen Dörfler war mächtiger als die unsinnigen Anordnungen. Ungehindert und vor allem ohne Beschuss wegen einer verantwortungslosen Panzersperre fuhren die ersten Panzer und Fahrzeuge auf der R 311 zügig weiter Richtung Ehingen.
Ein Trupp deutscher Soldaten, die mit ihren Pferdegespannen von Daugendorf herkamen, wurde von der Riedlingerstraße aus beschossen. Einige Granaten schlugen auch unterhalb der Schneckengrube ein. Der Beschuss kostete bei Eckwirts Garten in der Nähe des Sportplatz an der Daugendorfer Straße einem Wehrmachtssoldaten das Leben. Oberkanonier Heinrich Wilhelm Vahrenkamp wurde tot aufgefunden und später auf dem Friedhof bestattet. Die verletzten und toten Pferde mussten von … in die Schindergrube geschleift werden. Dort wurden die noch lebenden erschossen und zugedeckt.
Als die französische Panzerspitze in das Dorf hereinfuhr, waren die Straßen weitgehend leer. Am Adlerberg standen einige Personen, die mit weißen Tüchern winkten. Auch Johann Schmid (Faßnacht) war mit einer weißen Fahne auf der Straße. Es gab keine offizielle Abordnung der Gemeinde, die zu den Franzosen Kontakt aufgenommen hat. Die ersten Fahrzeuge hielten sich nicht lange im Ort auf, denn ihr Hauptziel war Ulm.
Französische Soldaten meldeten, dass am Ortsende Richtung Ehingen im Schelmenlau läge ein angeschossener deutscher Soldat, der am Bein verletzt sei. Veronika Stehle und ihre Tochter Gretel holten ihn mit einem Handwagen ab. Zwei Tage wurde er von den beiden versorgt, danach brachte man ihn nach Riedlingen ins Krankenhaus.
Die am Nachmittag eintreffenden Panzer und Fahrzeuge verteilten sich im Dorf. In der Gartenstraße am Dorfeingang von Riedlingen her stellten sich einige Panzer auf. Sie schossen einige Male zum Bussenwald hinauf, wo sich viele Wehrmachtssoldaten versteckten. Der Beschuss dauerte nicht lange, denn es gab keine Gegenwehr. Einige der deutschen Soldaten kamen aus dem Wald heraus und ergaben sich.
Die Besatzungssoldaten suchten verteilt über das ganze Dorf für die Nacht ein Quartier. Ein Dutzend Marokkaner verbrachte die Nacht auf dem Heuboden bei Familie Dreher in der Mühlgasse. Am nächsten Morgen ging es den Hühnern in der Nachbarschaft buchstäblich an den Kragen, sie wurden von den Marokkanern abgeschossen, die Quartierleute mussten sie ausnehmen und braten.
Tag der Befreiung, 23. April 1945
Die französischen Truppen empfing kein Jubel und begeisterter Empfang. Es feierten in Molkers Hof nur die jetzt befreiten Kriegsarbeiter. Die Franzosen waren auch nicht der leidenden Bevölkerung wegen gekommen, um sie zu befreien. Sie kamen um den Nationalsozialismus zu vernichten. Die bangen Ängste der Unlinger der Umsturztage waren eher, wie stark sie jetzt unter der feindlichen Herrschaft wohl leiden mussten unter der Vergeltung für die von der deutschen Besatzungsmacht in Frankreich verübten Gräueltaten.
Befreit und erlöst wurden die Unlinger allerdings von der Macht und dem Einfluss der einheimischen Nazis. Nichts mehr zu sagen hatten die braunen örtlichen Führer wie Gemeindepfleger Schmieg, der als einziger der Funktionäre an diesem Tag im Dorf anwesend war. Ortsgruppenleiter Schmid, Bürgermeister Kräutle und stellvertretender Ortsgruppenleiter Fallegger waren auswärts eingesetzt.
Auch die Franzosen hatten Angst. Sie wussten, dass überall in der Gegend Reste von Wehrmachtssoldaten sich verborgen hielten. Sie mussten damit rechnen zu jeder Zeit auf fanatische SA-Angehörige zu stoßen, die sich noch nicht absetzen konnten. Die Aushebung der Widerstandsnester kostete manchem französischem Soldaten in den letzten Kriegstagen noch das Leben.
Quelle 1: Das Kriegsende 1945, Hans Willbold, Federseeverlag, 1995
24. April
Teile des 80. Armeekorps schafften es über die unzerstörte Brücke in Zwiefaltendorf über die Donau in Richtung Iller abzurücken. Da die Franzosen inzwischen schon das südliche Hochufer besetzt hatten, ergaben sich verlustreiche Kämpfe. Am Abend gaben die französischen Panzer ihre Stellungen gegenüber Zwiefaltendorf überraschend auf.
Im Gefolge der Amerikaner zogen die Franzosen in die Innenstadt von Ulm ein.
Am Morgen zogen die Besatzungstruppen aus Unlingen wieder ab, aber schon am Nachmittag trafen erneut Panzer ein, die sich im Dorf verteilten. Es waren bis zu 150 Besatzungssoldaten im Dorf.
Vielerorts haben Teile der marokkanischen Einheiten in den einzelnen
Ortschaften vergewaltigt, gestohlen, geplündert. Zwar gab es Befehle der französischen Befehlshaber, die den Schuldigen ein Militärgerichtsprozess androhten und ihre Vorgesetzten mussten mit Disziplinarstrafen rechnen, doch trotz solcher eindeutiger Befehle kam es zu Übergriffen.
Alltäglich waren zu Beginn der Besatzungszeit Diebstahl, Zerstörung von Haushaltgegenständen und Vernichtung Nahrungsvorräten.
Pfarrer Goßner und Oberlehrer Scherrbacher überlieferten in einem Schriftstück, das 1952 in der vergoldeten Kirchturmkugel deponiert wurde, vom 24. April: „Gegen Abend brachten die Feinde von allen Seiten deutsche Gefangene ein und trieben sie im Schulgelände und Klosterhof zusammen.“
Besatzungszeit
Eine der üblichen, ersten Anordnungen, die die französische Besatzungsmacht in jeder besetzten Stadt und Gemeinde traf, hatte zum Inhalt:
1. niemand darf sich zwischen 19 Uhr abends (die Zeit wurde im Sommer dann etwas heraufgesetzt) und 7 Uhr früh außerhalb seines Hauses aufhalten,
2. alle Männer zwischen 15 und 60 Jahren müssen sich auf dem Rathaus melden,
3. alle Schuss-, Hieb- und Stichwaffen müssen einschließlich der Munition beim Bürger- meisteramt abgeliefert werden. Das gleiche gilt für Radio- und Fotoapparate, sowie für Feldstecher. Einwohner, bei denen ein Geheimsender gefunden wird, werden erschossen,
4. Radfahren ist verboten, ebenso privater Kraftwagen- und Motorradverkehr,
5. Telefongespräche sind nur innerhalb des Ortsnetzes zugelassen und werden überwacht,
6. Gasthäuser und andere öffentliche Gebäude sind geschlossen,
7. Panzersperren, Leichen und Tierkadaver müssen beseitigt werden,
8. Androhungen von Strafen bis hin zur Erschießung bei feindseligem Verhalten gegenüber der Ordnungsmacht.
Die Besatzer zeigten gleich mal ihre Macht und verfügten, dass Strom und Wasser abstellt wurde.
Die Wirtschaften wurden von den französischen Soldaten belegt, ca. 20 Männer der höheren Ränge waren im Haus Elektro-Selig und bei Metzgerei-List untergebracht. Auch in anderen Privathäusern quartierten sich die Offiziere ein. Anfangs musste im Haus App die ganze siebenköpfige Familie in einem Zimmer auf dem Boden nächtigen.
Im Nebenzimmer des Gasthauses „Hirsch“ wurde die Ortskommandantur eingerichtet.
Vor der Kommandantur wurde ein Fahnenmast errichtet und die die Tricolore gehisst. Auf Befehl des Kommandanten musste jeder Vorübergehende die mit einem Blumenbeet geschmückte Fahne grüßen. Auch den den französischen Offizieren musste durch Grüßen respektvoll begegnet werden. Darlehenskassenrechner Otto Schönle ging bei einem Fahnenappell vorbei, ohne die Fahne zu grüßen, er wurde mit Schlägen bedacht.
Wer die Ausgangssperre nicht beachtete und die Zeit überzog, wurde eingesperrt. Ein Arrest war im Keller des Hauses Halbherr (Otto Koch) gegenüber der Ortskommandantur.
Ein drittes Todesopfer forderte der zweite Tag der Besatzungszeit. Eine 19jährige ukrainische Magd, die auf dem Bauernhof der Metzgerei List arbeitete, beachtete das Ausgangsverbot nicht. Sie wurde erschossen.
Da die offizielle Amtssprache von nun an französisch war, musste Kämmerer Grupp als Dolmetscher fungieren, ebenso Frau Schirmer, Mühlgasse.
Quelle 1: Das Kriegsende 1945, Hans Willbold, Federseeverlag, 1995
25. April
Die über die Donau übersetzenden deutschen Teile des 80. Armeekorps befanden sich inmitten der gegnerischen Panzerverbände. Ein geschlossener Rückzug in Richtung Südosten war nicht möglich. An die Verbände erging der Befehl: „Auflösen in infanteristische Stoßtrupps und Durchschlagen mit Ziel Füssen“. Dies war bei Tageslicht nicht möglich. Auch in den folgenden Tagen hielten sich in der Bussengegend deutsche Truppenteile auf. Nur geringe Reste erreichten die Iller und Füssen.
Im Umkreis des Bussens blieben viele Fahrzeuge und Pferde durch die Auflösung der Verbände zurück.
Im Ensenheimer Wald kam der Obergefreite Alois R. ums Leben. Über die näheren Umstände ist nichts bekannt. Zwei Wochen nach dem Umsturz fand Walter Schmid(elin)(Schmidelein) beim Aufarbeiten eines Reisschlags den toten Soldaten. Er war nur oberflächlich begraben und mit Reisig zugedeckt. Er wurde auf Anordnung der Franzosen von Kämmerer Grupp und dem Totengräber Maier mit einem Pferdefuhrwerk ins Dorf gebracht und auf dem Friedhof begraben.
Vier Tote und ein Verwundeten waren die menschlichen Opfer der ersten drei Umsturztage. Außerdem ein paar zerschossenen Dachplatten beim Dorfpolizisten Rothberger gab es keine großen materiellen Schäden. Damit kam Unlingen im Gegensatz zu Datthausen und Uttenweiler noch glimpflich davon.
In den ersten Tagen des Umsturzes wurden viele Wehrmachtssoldaten gefangen genommen. In der alten Molke wurden sie eingesperrt. Die Unlinger durften ihnen Essen bringen. Häuser wurden nach versteckten Personen untersucht. Einfach Glück hatte Karl Schönle, Steinmetz, der seinen Trupp in Göffingen verlassen hatte. Er saß während der überraschenden Hausdurchsuchung in der Küche. Alle Zimmer wurden kontrolliert, nur die Küche nicht. Dadurch blieb ihm der Abtransport in die Gefangenschaft nach Frankreich erspart. Nicht so hingegen Karl Dolpp. Er hatte bei seiner ersten Heimkehr weniger das Glück auf seiner Seite. Er meldete sich bei einer angeordneten Erfassung der männlichen Einwohner, wurde interniert und geriet für zwei Jahre in französische Kriegsgefangenschaft.
(Geschehnis Marktstraße, Tante, Geiselhart, Großherzigkeit, ersparte ihm ein paar Jahre Kriegsgefangenschaft. Nach Angaben von Hanne Skersies, geb. Geiselhart)
Die siegreichen Mächte übernahmen die oberste Regierungsgewalt in Deutschland. Das deutsche Reich hatte in Unlingen aufgehört zu existieren. Bis in die kleinen Dörfer und Verwaltungen hinein reichten ihre uneingeschränkten Befugnisse. Es blieb auch den Unlingern so gut wie gar nichts überlassen. Die Befugnisse und Kontrolle des öffentlichen Lebens der Besatzungsmacht waren umfassend. Dies zeigte sich selbst bei einer so unbedenklichen Angelegenheit wie der Fronleichnamsprozession. Sie musste erst genehmigt werden. Im ersten Jahr durften nur an drei Altären Station gemacht werden.
Der französische Ortskommandant vertrat im Ort die Besatzungsmacht. Die nächst höhere Verwaltungsinstanz war im Landratsamt Saulgau eingerichtet worden. Die Besatzungssoldaten blieben immer nur für ungefähr drei Wochen im Dorf, dann kamen andere.
Beschlagnahmungen
Wald
Ein Abholzungsprogramm hinterließ riesige Kahlschlagflächen im waldreichen Südwesten von Deutschland, im Schwarzwald gingen die Hiebansätze bis zu 350% über die normalen hinaus. In Unlingen erhoben die Besatzer eine Forderung über eine bestimmte Menge an Festmeter Holz. Dazu wurden im Bussenwald und im Ensenheimer Wald Holz für Frankreich geschlagen. Die Waldstücke bekamen später den Namen Franzosenschlag. Das Schlagen der Bäume besorgten die Besatzer selbst, gezwungenermaßen mussten ihnen Ortspolizist Rothberger, und die Landwirte Rothberger und Gräuter helfen.
Nutzvieh
Neben den willkürlichen Plünderungen durch einzelne Soldaten begannen bald durch die Kommandantur angeordnete Ablieferungen. Er forderte von der Bauern Vieh. Dazu wurde eine Viehzählung angesetzt. Das Nutzvieh musste auf der Marktstraße bis hoch zum Gasthaus Petrus vorgestellt werden. Die besten Tiere wurden beschlagnahmt.
Im Anger ließen die Franzosen eine Aschenbahn anlegen, dazu wurde Kohlestaub von der Ziegelei Gairing verwendet.
Schulbetrieb
Nur für die Schuljugend war die Besatzungszeit ein Gewinn. Für manches Kind gab es die erste Schokolade des Lebens. Der Schulbetrieb begann erst wieder im September. Keine Schule, freie Zeit und wenig Aufsicht. Vor allem die jungen Burschen wussten dies zu nutzen. Überall konnte man interessante Dinge finden und Sachen organisieren. Waffen, Gewehrmunition, Geschützgranaten mit Stäblespulver zum Zündeln, Armeesättel, Feldtelefone, ein Flakgeschütz im Kürzen samt Munition, ein Panzer mit Handgranaten bei den Dreiwiesen am Bussenwald.
Auf Oberlehrer Scherrbacher wartete eine neue Herausforderung. Er musste in der 8. Klasse Französisch-Unterricht geben.
8. Mai 1945
Tag der Befreiung
"Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“
Richard von Weizsäcker in seiner Rede im Bundestag am 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
Die tägliche Not
Die Sieger hatten den Deutschen Freiheit vom Nationalsozialismus gebracht, doch gleichzeitig fing im Südwesten der Hunger an. Leib und Leben waren nun nicht mehr durch Terror oder Bombenkrieg gefährdet, sondern durch Unterernährung und Krankheit.
Seenachtsfest
Am französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli, veranstalteten die Franzosen auf der flachen und breiten Kanzach ein Seenachtsfest. Mit Fichten aus dem Ensenheimer Wald wurde beim das Glanzwasser, einer seeähnlichen Verbreiterung der Kanzach oberhalb der Kanzachbrücke im Anger, eine Brücke errichtet. Mit Fackeln und Lampions wurden die Ufer geschmückt. Auf dem See ruderten die Franzosen mit Flößen und Aluminiumbooten, gefertigt aus Reservetreibstofftanks, die von Bombern über dem Breitenberg abgeworfen wurden. Eine Besonderheit waren Boote mit offenem Boden. Aus Holzlatten war der Aufbau zusammengenagelt, mit Planen und Teppichen umhüllt. Unter dem Aufbau verborgen stand der Schiffsführer im Wasser. Zu dem Fest wurden auch junge Unlingerinnen eingeladen.


9 Tage vor der Ankunft der FranzosenEin Trupp Gefangener, wahrscheinlich von der Strafanstalt Rottenburg oder den Konzentrationslagern der der Schwäbischen Alb, machte für eine Nacht in Unlingen Halt. Untergebracht waren die circa 40 Gefangenen in der Scheuer des Gasthauses „Neues Haus“. Mit dem Kartoffeldämpfer wurden im benachbarten Bauernhof Joseph Pfaff und bei Schneider Theders Kartoffeln gegart und den Männern zum Essen gebracht. Die Häftlinge, die noch ihre Sträflingskleidung trugen, waren kahlköpfige, ausgemergelte Männer, von denen einer während der Nacht verstarb, Alexas Zukas aus Litauen. Er wurde auf dem Friedhof an der nördlichen Mauer beigesetzt. Es ehrt die Gemeinde Unlingen, dass das Grab auch nach 70 Jahren immer noch vorhanden ist. Es ist eine stumme Mahnung, dass es vor 70 Jahren mörderische Zeiten gab.
