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Bildhauer Karl Rieber 1888 - 1957

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in Unlingen als "Professor" tituliert

Geboren 22.4.1888
Gestorben 19.10.1957

Geburtshaus, Reichenauer Hubhaus
Ältestes Kind des Söldners Reinhard Rieber
Mutter Maria Paulina, geborene Weber
13 Kinder
Vater früh verstorben,
Volksschule in Unlingen, 1895 - 1902
Bauernknecht, 1 Jahr
Steinhauerlehre bei Bildhauer Zürn, Riedlingen, 1903 bis 1906


Lehr- und Wanderjahre, Bildhauerwerkstätten im Westen und Süden
Abendkurse an der Kunstgewerbeschule, Frankfurt, Köln, Düsseldorf
(zu jener Zeit arbeitete Bildhauer Wilhem Lehmbruck in Düsseldorf)
München, 1910 - 1912, bei Lithograph Franz Hoser


Aufnahmeprüfung, Kunstakademie München, von 1912 bis 1921
Matrikel Nr. 05189, Akademie der bildenden Künste
Eintritt 4.11.1912, Alter 24 Jahre
Bildhauerschule Balthasar Schmitt


Erster Weltkrieg, Soldat in Neuburg/Donau 1915 - 1918
Erstlingswerk Nikolausaltar in Heinrichsdorf/Niederbayern, 1920
Entwurf zum Kriegergedächtnisaltar, Krypta in Neufra, Apokalypse
Folgejahre, bekannt geworden durch Kriegerdenkmale und monumentale Plastiken an der Petrus-Canisius-Kirche in Friedrichshafen und St.-Georgs-Kirche in Stuttgart

Ateliereröffnung in München
Familiengründung, Adelheid Ruepp, Rottenburg an der Laaber
Sohn Heinrich, gestorben 1986

Mitbegründer der "Religiösen Einkehrtage in Beuron", 1928
Beiratsmitglied im DKV, Kunstverein der Diözese, seit 1937

Freundeskreis, Wilhelm Geyer, Herta Rössle (Malerin), Anton Dieterich (Journalist) und Familien Breucha und Eith
Kunstverein der Diözese Rottenburg
Jugendfreund von Monsignore Georg Pfaff
Während des Nationalsozialismus verdächtigt Verbindung zur Weiße Rose zu haben

Verstarb an der Honkong-Grippe, nach nur dreitägiger Krankheit
Beerdigt auf dem Nymphenburger Friedhof, Maria-Ward-Straße, 22. Oktober 1957

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Werkverzeichnis
Nach Josef Anselm von Adelmann, Artikel im Jahrbuch des Kunstvereins der Diözese, Heilige Kunst,1988, undatierte Fotokopie in der Archivschachtel

Ergänzt nach Hinweisen aus den Nachlasspapieren
(Eberhard Schneider)

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Allmendingen

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Risstissen

Mengen

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Riedlingen

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Herrlingen

Friedrichshafen 

Unlingen

Ehingen

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In Unlingen vorhandene Werke

Friedhof Unlingen neben der Aussegnungshalle
Sitzender, leidender Christus, vormals Grabmal für H. Breucha, Amtsrichter in Ehingen, über Bürgermeister Hans Koch nach Unlingen gekommen. Der Sohn Breuchas ermöglichte den Transfer nach Unlingen nach der Auflösung der Grabstelle von Breucha.

Reliefs an der Außenwand des Friedhofs
Bildnis aus Terrakotta, beim Haupteingang in die Friedhofsmauer eingelassen

Verschiedene Ausstellungsstücke im Rathaus

Sammlung verschiedener Stücke aus dem Nachlass, 1982 nach Unlingen gekommen, auf der Bühne des alten Rathauses

Franziskusbildnis über der Eingangstür zur Klosterkapelle

Pieta des Kriegerdenkmals

 

Holzrelief "Christus segnet die Arbeit" im Saal des Feuerwehrhauses

Kleinere Kunstwerke in Privathaushalten in Unlingen

Grabkreuz der Familien Pfaff - Ziemann
Erstaufstellung am Grab von Josef Pfaff, 1930er Jahre, Vater des Josef Pfaff, langjähriger Gemeinderechner in Unlingen.
Nochmalige Aufstellung des Kreuzes am Familiengrab Siegfried Ziemann und Anna Ziemann, geborene Pfaff.
Nach der Auflösung des Familiengrabes im Jahr 2022 hat Eberhard Schneider das Rieber-Werk von den Nachkommen der Familie Ziemann erworben.
Höhe des Kreuzes 175 cm, Breite des Kreuzes 60 cm

Das Kreuz ist jetzt an der Mauer bei der Aussegnungshalle neben dem sitzenden Christus angebracht.

Persönliche Anmerkungen zu Karl Rieber

Zwei bedeutende Bildhauer kamen im 19. Jahrhundert in Unlingen zur Welt. Josef Kopf, 1827, Sohn eines wohlhabenden Bauers und Karl Rieber, 1888, Sohn eines unter bäuerlichen Söldners.
Ihre Geburtshäuser lagen nur einen Steinwurf voneinander entfernt, beide begannen ihre Laufbahn mit einer Bildhauerlehre in Riedlingen. Der reiche Bauern Sohn machte eine große Karriere in Rom, wurde zu seiner Zeit zu einem europaweit bekannten Künstler, wurde sogar geadelt.

Der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Karl Rieber schuf mit seiner Begabung religiöse, kirchliche Kunst.

Es ist erstaunlich, wie ein angeborenes Talent sich aus ohne große frühkindliche und schulische Förderung realisieren kann. Den beiden Bildhauern Josef Kopf und Karl Rieber gelang es über eine Bildhauerlehre und anschließende Wanderjahre als Gesellen das vorhandene Talent so weit zu kultivieren, dass es ihnen später möglich war, als selbständiger Künstler zu arbeiten und davon zu leben.

Die frühesten Spuren des künstlerischen Talentes von Karl Riebe sind Skizzen und Zeichnungen aus der Zeit, als er in München die Akademie für Künste besuchte. Großformatige Zeichnungen und kleine Skizzen hat er jahrzehntelang aufbewahrt und sind über seinen Sohn Heinrich der Gemeinde Unlingen übergeben worden.

Nach dem Besuch der Kunst-Akademie München gründete er in München 1822 ein Bildhaueratelier und schuf Werke, die weit verstreut im württembergischen Raum noch heute vorhanden sind.

In den ersten 10 Jahren seines selbständigen Arbeitens als Bildhauer entstanden ganz vielfältige Werke christlicher Kunst. Sie umfassen ein großes Spektrum, was sowohl die schiere Größe, wie auch die Ausgestaltung und inhaltliche Umsetzung anbetrifft.

Es finden sich darunter Monumentalbildwerke, wie das Kriegerdenkmal in Mengen und die Großplastiken an Kirchen in Stuttgart und Friedrichshafen.

Diese großen Bildhauerwerke an den Außenfassaden in Stuttgart und Friedrichshafen brachten ihm überregionale Bekanntheit ein. Es gelang ihm aber nicht, Aufträge weit über seine oberschwäbische Heimat hinaus zu erhalten.


Neben den großen monumentalen Werke an den Kirchen in Friedrichshafen und Stuttgart schuf er auch viele Kriegerdenkmale. Hier zeigt sich seine große künstlerische Schaffenskraft. Vielfältig ist seine thematische Gestaltung dieser Werke:
Pieta in Unlingen
Kreuzigungsgruppe in Mengen und Riedlingen
St. Georg der Drachentöter in Risstissen
Der heilige Sebastian am Marterpfahl in Rottweil und Herrlingen
St. Michael in Tübingen
Christus aufs Grab gelegt in Ehingen

Auch seine kleineren Werke zeigen den ganz persönlichen unverwechselbaren Stil Riebers, der auch bei der Pieta des Unlinger Kriegerdenkmals und im Grabkreuz der Familie Pfaff - Ziemann zum Ausdruck kommt. Sehr deutlich kommt diese prägnante Gestaltung der Gesichtszüge beim sitzenden Christus neben der Unlinger Aussegnungshalle zum Ausdruck.
Während Joseph Kopf bei seinem Werk des sitzenden Christus (im Eingangsbereich der Bussenkirche) Jesus feine, idealisierte Gesichtszüge gibt, sind die in Stein gemeißelten Gesichtszüge des sitzenden Christus von Rieber stark abstrahierend dargestellt. Die bewusst reduzierten Bildnisse wirken kraftvoll und modern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

 

 

 

 

Der Altmeister der Unlinger Heimatforschung, Theodor Selig, schreibt 1930 in seinem Buch zur hiesigen Dorf-Geschichte zu Karl Rieber:
„ Der berühmteste Unlinger unserer Tage ist der Bildhauer Karl Rieber in München.“
„ Der kraftvolle Meister mit seinem stark ausgeprägtem persönlichen Stil ist einer der größten religiösen Plastiker der Gegenwart.“

Doch mit dem aufkommenden Nationalsozialismus hatte er nichts gemein. Er blieb den Umtrieben der Münchner Nazis fern. Ein Bildhauer, der sich der christlichen Kunst verschrieben hat, war in dieser Zeit ohne große Chancen. Zumal er auch noch von den Nazis verdächtigt und verhört wurde, wegen einer möglichen Verbindung zur Widerstandsgruppe Weiße Rose.

Während sein Unlinger Bildhauerkollege Josef v. Kopf in Rom Zugang fand zu einflussreichen Adelskreisen, hatte Rieber nur einen kleinen Freundes- und Gönnerkreis, die ihm zu Aufträgen verhalfen.
Zudem verstarb einer seiner wichtigsten Förderer, Amtsgerichtsdirektor A. Breucha, Ehingen, schon im Jahr 1927.

 

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Professor

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Karl Rieber, der vom Unlinger Gemeinderat zum Professor ernannt wurde, sich selbst aber nie als Professor bezeichnet hat.

Nach bestandener Aufnahmeprüfung hat er an der Kunstakademie München von 1912 bis 1921 gelernt.

 

Er begann im Alter 24 Jahre sein Studium in Bildhauerschule Balthasar Schmitt. Zeitweise wurde er für vom Kriegsdienst freigestellt und konnte sein Studium fortsetzen.

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Noch während deines Studiums hatte er seinen ersten größeren Auftrag. Für die Kirche in Heinrichsdorf/Niederbayern fertigte er einen Nikolaus-Altar mit Kreuzigungsgruppe.

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Seine Herkunft

Anerkennung

 

Heimatforscher Theodor Selig über Karl Rieber

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„ Der berühmteste Unlinger unserer Tage ist der Bildhauer Karl Rieber in München.“„ Der kraftvolle Meister mit seinem stark ausgeprägtem persönlichen Stil ist einer der größten religiösen Plastiker der Gegenwart.“

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​Unlinger Kriegerdenkmal-Pieta

1924 schuf er in seinem Münchner Atelier eine Pieta, die die Gemeinde Unlingen für ein Kriegerdenkmal in Auftrag gab. Eine Pieta als Motivwahl für ein Kriegerdenkmal stellt den Verlust und Schmerz in den Vordergrund, nicht das Heldentum der Soldaten. Behutsam stützt Mutter Maria mit ihrer rechten Hand den Kopf ihres Sohnes. Die beiden linken Hände verschränken sich sanft.

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Wird er dieser Anerkennung gerecht?​​​

Allein schon am Beispiel der Unlinger Kriegerdenkmal-Pieta lässt sich seine Kreativität und Gestaltungskraft erkennen.

Auf dem Unlinger Friedhof ist eine weitere Pieta von Karl Rieber zu entdecken. Ein Terracotta-Relief ist rechts neben dem Eingangstor in die Friedhofsmauer eingelassen.

Ganz unbekannt

Die Nasgenstatter Fälle

Im Nachlass, den Sohn Heinrich Rieber der Gemeinde Unlingen überlassen hat, befinden sich viele Presseartikel zu seinen Werken.

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Auszüge aus Zeitungsartikeln,
die im Original vorhanden sind
(Enthalten im Nachlassmaterial, jetzt nach Standorten eingeordnet in den Sammelordnern oder im Ordner 2)

 

Der junge Bildhauer Rieber

Erbach

Risstissen

Nasgenstadt

Mengen

Herrlingen

Riedlingen

Stuttgart



Erste Veröffentlichung zu Karl Rieber
Augsburger Postzeitung
11.04.1920
Dr. A. Wurm, Kunstkritiker
Ordner 2

Vorabendblatt zum Sonntag, Artikel auf Seite 2, als Feuilleton gekennzeichnet. Am Rande des Artikel ist mit Bleistift geschrieben: "Gruß! AW". Dies lässt vermuten, dass der Schreiber des Zeitungsartikels die Zeitung Rieber zukommen ließ.
Vermutlich die erste, älteste Beschreibung des Künstlers Rieber in der Presse.
Rieber war damals 32 Jahre alt, 11 Tage vor seinem Geburtstag, noch nicht verheiratet
Ein Jahr vor der Beendigung seiner Ausbildungszeit an der Münchner Akademie.


Augsburger Postzeitung
11.04.1920
Dr. A. Wurm, Kunstkritiker
Abschrift des Zeitungsartikels


Karl Rieber
Karl Rieber, der junge Plastiker, von dem ich sprechen will, ist ein geborener Württemberger (22. April 1888). Als er aus der Schule kam, verdingte er sich einem Bauern. Vierzehnjährig trat er bei einem Steinmetz in die Lehre, wo es Sockel und Säulen für Grabmäler zu meißeln gab. Nach den drei Lehrjahren begannen die Wanderjahre, de ihn nach Frankfurt, Köln, Düsseldorf führten. Hier erst gelangte er - mit achtzehn Jahren - zu einem "richtigen" Bildhauer und in Folge zu einem großen Künstler, nämlich zu Lehmbruck. 1910 ging er nach München, wo er 1912 an die Akademie kam als Schüler B. Schmitts. Erfolge und Preise fehlten ihm nicht. Dies ist das äußerer Gerippe eines Lebens, das bescheiden ist, wie es des Lebens Härte und die Anspruchslosigkeit eines stillen Menschen, der von unten auf sich langsam emporgearbeitet hat, gestaltet.

Nur in einem war dieser junge Mann nie anspruchslos: in seiner Kunst. Zuerst war die Beherrschung jeder Technik seines Fachs und des Aktes das Ziel harten selbstlosen Ringens. Das zwang er endlich wie wenige. Er ist ein gesuchter Technikern geworden, der im Negativ eines primitiven Entwurfs, den Körper von innen her beinahe ebenso sicher schneidet, wie er ihn in Ton von außen her wölbt, der eine Figur für den Bronzeguss nicht bloß im allgemeinen, sondern bis ins letzte hinein anders modelliert, als eine solche für Holz und Marmor gedachte, der in Schiefer das Negativ für Medaillen von einer wunderbaren Frische schneidet, der mit einem Wort technisch ein vollendeter Meister ist. Und Meister ist er auch in der Behandlung des Körpers. Gleichgewicht, sichere Standfestigkeit, leichte Beweglichkeit der Glieder, durchlaufender Fluss der Bewegung - das sind Dinge, die ihm in Fleisch und Blut übergegangen sind. Aber die Entdeckung und immer neue Entdeckung eines unermesslichen Reichtums an Formen, an Formen die sprechen und im Sinne des Ganzen sprechen, das ist eine immer sich erneuernde Aufgabe, in deren Lösung er sich nie genugtun kann. Da stehen in seinem Atelier frühe Figuren, die so viel an Formen aufweisen, als manche Plastik, die man nicht gering schätzt. Er aber streicht sie aus seinem Werk, weil sie infolge Unerreichbarkeit des Zieles ziemlich rasch "zugemacht" wurden. Und er Tat recht daran. Ihm darf nicht eine im lebendigen Rhythmus bewegte schöne Form genügen. Er muß in der Tiefe und aus der Tiefe den Reichtum holen. So kam der Künstler zu Schöpfungen, die eine solche Fülle von reichsten Ansichten bieten, wie sie vielleicht einzigartig ist.
Das hängt nun schon mit seiner tieferen Auffassung des Plastischen zusammen, die freilich der Hildebrandschen Reliefauffassung geradezu entgegengesetzt scheint. Für ihn ist die Plastik ein Hinausdrängen von Formen von einem jeweils verschiedenen individuellen dynamischen Zentrum aus nach allen Richtungen. Indem er angesichts seines Modells seine Figur innerlich gestimmt, bestimmt er zugleich in seiner Vorstellung von innen her alle entscheidenden Grenzwölbungen - wohlgemerkt er sieht keine Linien, weil er sozusagen nicht von außen her hineinschaut, sondern von innen her nachschafft und von innen her gegrenzt, was so nur durch gewölbte Flächen möglich ist. Natürlich sieht er auch in seinem Block die dreidimensionale Figur vollkommen hinein, und so verlieren seine Werke nie den Charakter des Kubischen.
Aber dies dynamische Zentrum ist ihm nicht bloß physisches, sondern in erster Linie seelisches Leben, seelischer Rhythmus. Diesem muß schließlich alles Körperliche dienen, und hier steht der Künstler an seinem letzten Problem, das ihn auf das tiefste gepackt hält. Die Frage ist, ob er jene große schöpferische Gewalt in sich hat, daß er es aus seinen eigenen Tiefen bewältigt. Dann ist der Künstler, der auf alle Fälle bedeutend ist, zu einem großen Bildner geworden. sucht er in der Angst vor dem Tiefsten und Letzten in sich von anderswoher, etwa der expressionistischen Welt, sich - nicht Anregungen sondern Aushilfen, dann ist er in Gefahr - nicht sich ganz zu veräußerlichen, denn dies ist ihm wohl niemals mehr möglich - aber den letzten Gipfel, die Krönung alles dessen, was er kann, beherrscht und in lebendigen Fluß gebracht hat, nicht mehr zu erreichen. Aber wir hoffen, daß der christlichen Plastik sich die große Erwartung erfülle, die man auf diesen innerlich wahrhaft bescheidenen Künstler setzen darf.
Dr. A. Wurm





Kriegerdenkmal in Erbach

Kleiner, ausgeschnittener Zeitungsartikel
Am Rand beschriftet mit Ehingen 12. April
Über das Kriegerdenkmal, das soeben vollendet wurde, schreibt der Kunstkritiker der Augsburger Postzeitung Dr. A. Wurm:

Auszug:
Es stellt eine Pieta in eigenartiger Auffassung dar. Der stehend den sinkenden Christuskörper haltenden Madonna ist helfend, mitempfindend, tröstend zugleich, der neue, vom Kreuz herab empfohlene Sohn, Johannes beigesellt. Der künstlerische Hauptakzent des Werkes aber liegt in der Gruppe von Mutter und totem Sohn. Hier ist große und zugleich innige Bewegung, die die Formen von den in mächtigen Stufen ansteigenden Mantelfalten über den in herber und doch gehaltener Trauer geneigten Kopfbis zu den in behutsamer Ehrfurcht den Körper des Sohnes unter den Schulterhöhlen fassenden Händen bis ins letzte erfüllt. Das menschliche und künstlerische Leben ist hier so stark, dass der Künstler es Wagen durfte, in der Figur des Johannes nur einen gedämpften Ausklang und eine formelle Ergänzung auf die Geschlossenheit der Gruppe hin zu geben, die durch die Figuren reliefmäßige Auffassung der eine Art Rückwand bildenden Figuren Maria und Johannes bedingt ist. Dass der naturgemäß vorgeschobene Christuskörper sich nicht loslöst, sondern zu einer gewissen Einheit mit den tragenden Gestalten verwächst, ist ein Beweis des guten Stilgefühls des Künstlers, das sich auch bei Behandlung des Steins (Muschelkalk) besonders in den einfach und groß geführten Faltenrücken verrät. Das auch handwerklich trefflich gearbeitete Werk wird, bei seinen Maßen - 160 Zentimeter hoch, 125 Zentimeter breit - entsprechend hoch aufgestellt, eine ernsthaft fromme und künstlerisch bedeutsame Erinnerung an die Gefallenen und eine Tröstung für die Hinterbliebenen bilden.


Ein zweiter Artikel, nicht als originaler Zeitungsartikel vorliegend (Abdruck 3-fach vorhanden)
Mit Breucha gekennzeichnet, Bleistift

Überschrift

Moderne Kriegerdenkmalkunst und das Erbacher Gefallenendenkmal

(Siehe auch Fotokopie der von den Erbachern Heimatforschung angefertigten Zeitungs-Abschriften. Zusammengestellt von Pfarrer Krieg und Herrn Eggel. Zugesandt am 11.8.2012 von Josef Gatti, Erbach)
Teil 1
Auszüge
Denkmale zur Erinnerung an der Weltkrieg und seine Gefallenen
Treues Gedenken war auszudrücken
Es galt für die Kunst, den Sinn des gewaltigen Erlebens zu deuten und in künstlerischen Gleichnis zu formulieren
Die bildhauerische Massenerzeugung der letzten Jahre aber steht im Zeichen des Niedergangs, um nicht zu sagen, der Auflösung.
Es rächte sich die unnatürliche Scheidung der Bildhauerei in Kunst und Handwerk und dei geistige Aushungerung des letzteren durch das Publikum und die Architekten. Der größere Teil der Aufträge gelangte, nach dem bei der Anschaffung der Bedürfnisse des täglichen Lebens sehr löblichen Grundsatz: Kaufet am Platze! an das orts- und bezirksansässige Handwerk, welches bisher sich ausschließlich mit der Anfertigung von Grabsteinen beschäftigt - nun plötzlich erfinden, Ideen gestalten und die schwersten künstlerischen Aufgaben lösen sollte.
Nicht bloß allgemein Feierlichkeit, Ruhe und Würde soll hervorgebracht werden, sondern ein bestimmter Gedanke des christlichen Glaubens soll ausgesprochen werden.
Nicht jede plastische Kunst ist berufen, die Sinnbilder unseres Erlebens und Fühlens, unserer Trauer und unserer Hoffnung zu gestalten.

Teil 2
Vom kürzlich eingeweihten Kriegerdenkmal in Erbach, das auf dem stimmungsvollen Kirchplatz im Schatten einer der feinsten Kirchen des ganzen Oberlandes und vor dem dunklen Grün alter Bäume einen ausgezeichneten Standpunkt hat und das seinerzeit den Platz als dessen unbestreitbaren Mittelpunkt wirkungsvoll beherrscht, kann man sagen, dass es die eingangs formulierten Anforderungen erfüllt, dass in ihm der Geist der neuen Zeit und das Empfinden der Volksseele einen künstlerischen bedeutsamen Ausdruck gefunden hat. Letzteres wage ich zu behaupten, wenn auch dem an das Sentimentale gewöhnten Mann diese herbe Größe nicht sofort eingeht. Der Urheber dieses Denkmals, der Münchner Bildhauer Rieber von Unlingen, ist von stark ausgeprägter Eigenart. Seine Kunst ist gekennzeichnet durch monumentale Auffassung der Stoffe durch tiefen Ernst, dem es immer um die Sache, nicht um die eigene Person zu tun ist, und der ihn vor der gefälligen Süsslichkeit bewahrt, in die der Naturalismus bei Behandlung religiöser Stoffe leicht zerfällt, endlich durch starke Übersinnlichkeit. Diese letztere ist das eigentliche Geheimnis, das Neuzeitliche an seiner Kunst. Bei aller Treue gegen die Natur, die sich nie zu denVerzerrungen und Übertreibungen eines radikalen Expressionismus versucht fühlt, bei aller Freiheit der Beherrschung der menschlichen Form und aller Freude an ihr. Immer ist doch die Natur in eine höhere Sphäre erhoben, das Modell nicht bloß vergeistigt und beseelt, sondern überwunden. Riebers Kunst hat einen Anflug von leiser Trauer, jener Trauer, die über die Werke eines Michelangelo, Raphael, Feuerbach, Hans Mare'es, Samberger,Beethoven ausgegossen ist, jener tristezza cofi perenne, die sich auf Erden nie löst, weil ihre Quelle immer fließt. Wenn die Darstellung verhaltenen Schmerzes und edler Trauer unmittelbar Gegenstand des Auftrags ist, dann ist Rieber in seinem Element. Darum ist er wie wenige berufen, den Geist unserer Zeit, die Tragik ihres Geschehens, die Tragik Deutschlands, ja des Abendlandes zu versinnbildlichen.

Im Tode siegreiches Heldentum, großes Leid heldenhaft getragen und gelindert durch teilnehmendes Mitleid - das ist der Sinn der Pieta, die in Erbach dem Andenken der Gefallenen gewidmet ist. Da ist wirklich der Leichnam eines Helden, der einen schweren Kampf gekämpft hat, und heldenhaft ist auch bei aller mütterlicher Zärtlichkeit und Behutsamkeit, mit der sie ihren toten Sohn mit liebenden Händen aufhebt, auch diese Mutter. dass sie stehend den Leichnam hält, steigert die Monumentalität. Der Heroismus dieses Geschehens, die strenge Steilheit solcher Darstellung fordert eine Milderung, einen Ausgleich, inhaltlich formal. Riebers Feingefühl fand diesen Ausgleich in der Figur des Johannes, die er er Mutter Christie beigesellte. Dieser Johannes ist eine Nebenfigur, aber kein bloßer Statist, sondern in der Komposition durch den von ihm erfassten linken Arm des Leichnams meisterhaft hineingezogen in Handlung und Seele der eigentlichen Trägerin des Vorhangs. Die starke Neigung des Kopfes hinüber zu Maria, die formal die Entstehung eines unschönen Loches zwischen den beiden Köpfen und einer langweiligen Parallelen zwischen ihnen verhindern soll, gibt zugleich einen weichen Klang, der zu dem strengen Hauptmotiv begleitend hinzutritt. Was diese Ergänzung für die Stimmung und formelle Harmonie der Gruppe bedeutet, kann man aus dem Vergleich mit einer heuer im Glaspalast in München ausgestellten Pieta des tüchtigen Max Heilander - Nürnberg ebenfalls mit stehender Madonna ersehen, bei der die Figur des Johannes fehlt. wenn man von dieser Pieta hinweg zum heiteren spielerischen Rokoko in dem Innern der Kirche und zur Theatralik seiner Plastik geht, kann man den Ernst dieser Kunst ermessen und erfahren, wie nahe der Geist der neuen Zeit dem Mittelalter gerückt ist.

Freude hat man wie am seelischen Gehalt so auch an der handwerklichen Gediegenheit des Werkes, an dem guten Zusammenschluss der Gruppe nach Breite und Tiefe, an der großzügigen Behandlung er Gewände, am schönen Spiel der Hände, vor allem aber an den klassisch schönen Formen es Christuskörpers. Da spürt man die Klaue des Löwen, den hervorragenden Techniker, der mit einem wahren Feuereifer dem Block zu Leibe geht, um dem edlen Material harten Muschelkalkes abzuringen, was er nur herzugeben vermag und dabei regelmäßig die im Tonmodell erreichte Vollkommenheit im Stein noch weit übertrifft. So hat in dem aufblühenden Erbach auch die Frage des Kriegerdenkmals die glücklichste Lösung gefunden.




Erbach
Neues Ehrenmal
Einweihung, 22.11.1961
Reliefwand von Bildhauer Uhrig (Stuttgart), Entwurf Architekt Glöckler (Beimerstetten)

Finanzierung des Rieberschen Denkmals in der Inflationszeit: Drei Milliarden Reichsmark

Erbach
Einweihung des Kriegerdenkmals, 10.6.1923
Auszug aus einer Ulmer Zeitung
(Fotokopien erhalten von Josef Gatti, Erbach, Zeitungsartikel vermutlich von Pfarrer Krieg in digitale Form übertragen)

...
Mit der Ausführung der künstlerischen Seite des Gedächtnismals war Kunstbildhauer Rieber aus München beauftragt worden. ... Meister Rieber aus München, auf dem Gebiet der kirchlichen Kunst nach Kennerurteil heute einer der führenden Männer, führt uns in dem hiesigen Kriegerdenkmal eine Pieta vor, doch eine solche in seiner eigenen bisher nicht gesehenen Auffassung. Die Ausführung verrät eine überlegene Künstlerhand, wenngleich auch Rieber das Kunstempfinden des Volkes nicht in allweg befriedigt. Das letztere lehnt, das hat die Erfahrung erwiesen, vielfach an das anderwärts gesehene an, vergleicht die nachgerade landläufig gewordenen Motive für Kriegerdenkmale (sterbender Krieger ...) mit dem augenblicklichen Fall und lehnt ihn, wenn er einmal eigene Wege geht, bisweilen ab.






Risstissen
Artikel, mit Bleistift gekennzeichnet: Ehingen, 26.7. 24

Risstissen, eine Stätte der Kunst
Zur morgigen Einweihung seines Kriegerdenkmals. Von A. Breucha

Auszug

Im Friedhof neben dem Chor der Gottesackerkapelle steht ein Denkmal, durch welches die Gemeinde ihre im Weltkrieg gefallenen Söhne ehren will. Man durfte gerade von Risstissen erwarten, dass dies durch ein wirkliches Kunstwerk geschehen werde und Risstissen hat diese Erwartung erfüllt, indem es einen hervorragenden Künstler mit der Ausführung des Denkmals beauftragte, den Bildhauer Karl Rieber aus München. Das Denkmal ist in einem fehlerlosen Block aus besonders hartem geschlossenen ungemein mühsam zu bearbeitenden Muschelkalkes gehauen. Der ganze Unterbau samt der schön gelungenen Schrift ist vom Steinhauermeister Mast-Risstissen meistermäßig ausgeführt worden. Der Vorschlag Riebers an der Stirnseite der Gottesackerkapelle ein großes Steinrelief mit einem sterbenden Sebastian anzubringen, der demn Künstler viel größere formale und seelische Entfaltungsmöglichkeiten geboten hätte, fand leider keine Annahme. Man wollte ein freistehendes Denkmal und lieber deutsches Heldentum und ritterlichen Kampf des deutschen Volkes als das große Leid der Zeit versinnbildet haben und so wählte man einen drachentödenden Georg als künstlerischen Schmuck des Denkmals. Das ist ein beliebtes viel gebrauchtes Symbol: Es reiten zahlreiche heilige George auf deutschen Kriegerdenkmalen einher, Aber es sind wenig wirkliche Helden darunter, denn der wirkliche Heldengeist ist etwas Seltenes auch in der Kunst und was einer selber nicht hat, kann er auch in sein Werk nicht hineinlegen. Der ganzen naturalistischen Kunst, die in möglichster Annäherung an die Natur ihr Ideal sieht, fehlt es an Monumentalität und Tiefe, sie hat diesen Mangel an Dutzenden von Denkmälern, von Kaisern und Königen und Generälen zu Pferd bewiesen. Die neueste Kunst aber strebt wieder leidenschaftlich nach Verinnerlichung nach Vergeistigung, nach Überwindung der Natur, und Aufstieg ins Reich der Mystik. Herrmann Platz nennt den Expressionismus einen grandiosen Versuch, mit Hilfe des Heroischen und Religiösen den Zeitgeist zu überwinden. Auf Riebers Kunst trifft diese Charakterisierung durchaus zu. Das ihm hier gestellte Thema ist allerdings mehr legendenhaft als religiös. Aber der Zug ins heroische, geistig-übersinnliche tritt aufs stärkste in Erscheinung und macht den Hauptwert des Denkmals aus. Schon das Pferd hat eine gewisse Vergeistigung erfahren. Seinen tadellosen Wuchs wird der Kennerblick der Risstissener Bauern zugeben müssen. Aber wichtiger ist, dass dieses Pferd Temperament besitzt, Rasse und Feuer. Es ahnt die Größe des Augenblicks und fühlt die Rolle, die es bei der Heldentat zu spielen hat. In prachtvollen Satze mit stolz zurückgeworfenem Halse nimmt es die Hacke, aus der der Lindwurm hervorkriecht. Dieser aber spürt, das es nunmehr auf Leben und Tod geht. Jeder Muskel an dem langgestreckten gedrungenen Körper bis Scheusal es ist gestrafft und mit der letzten Kraft, aufheulend vor Wut und Schmerz sucht es die Lanze die ihm schon im Rachen sitzt, zu zerbeißen. Die beiden Tierleiber haben an der inneren Spannungen der Szene einen wesentlichen Anteil und bringen sie am sinnfälligsten zum Ausdruck.
Und weiter der Ritter: Eine Jüngling ist es, kaum den Knabenalter entwachsen und doch jeder Zoll ein Held! Weil er eine große, von seiner Aufgabe ganz erfüllte Seele hat, weil er ganz uneigennützig, ganz kindlich und aufrichtig ist, deswegen musste ihm das große Werk gelingen! Diese Lauterkeit und Freiheit der Seele gibt auch seinem Körper die wunderbare Freiheit der Haltung, die von der Spannung der Tierleiber so wirkungsvoll absticht. In so sausendem Galopp, ansprechend, dass ihm die Lockenhaare wie Feuerflammen nach rückwärts fliegen und der Mantel sich aufbläht, die rechte Schulter kühn zurückwerfend, in der Linken den Zügel haltend, mit derRechten zum Stoße ausholend, hat er schon das Untier mit spielender Eleganz in den Rachen getroffen und schon sucht er mit der über dem Schenkel sich biegenden Lanze, den Kopf derselben empor zu wuchten. Wie viel deutsche Jugend ist mit ebensolcher Hingebung und Freiheit im Kampf und Tod geritten und marschiert! Wir denken mit Wehmut und Dankbarkeit an den Todesmarsch der jungen Regimenter vor Langenmark, an all das viele stille Heldentum des Weltkriegs, an das verborgene Heldentum auf der 33 Braven, deren Namen auf dem Sockel dieses Denkmals stehen.
Morgen bei der Einweihung muss das Denkmal seine symbolische Kraft und seinen seelischen Gehalt bewähren: Da wird von diesem jugendlichen Helden, und allein schon von den 33 Namen auf dem Sockel eine geheimnisvolle Wirkung ausströmen. Da wird das Feuer einer Künstlerseele, aus dem dieser Ritter Gestalt gewonnen hat, als zündender Funke überspringen in die Herzen der Dorfgenossen und wachrufen wird das Denkmal in ihrer Seele die Erinnerung an die heldenhafte Erhebung des deutschen Volkes zum furchtbaren Abwehrkampf in den Augusttagen 1914, hervorzaubern wird es in ihrem Geiste, die lieben, trauten Gestalten jener 33 tapferen Söhne, Brüder und Kameraden. Eine Flut von Erinnerungen wird die Herzen bestürmen und manche alte Wunde wird wieder anfangen zu bluten, ein jeder aber, der dabei ist, wird fühlen, was es großes ist, ein junges, hoffnungsvolles Leben zu opfern in treuer Pflichterfüllung, in reiner Absicht zu Sterben für Heimat und Vaterland. Eine Mahnung wird St. Georg uns zurufen und ein Gelöbnis soll unsere Antwort sein: Haltet diesen Platz in Ehren und mit Blumen reich geschmückt, windet Eichenlaub zu Kränzen, da es im nahen Wald ihr pflückt! Das Gedächtnis unserer Helden soll uns unauslöschlich sein! Wenn ich ihrer je vergäße - Vaterland vergäß ich Dein!


 

Nasgenstadt

Original-Zeitung vorhanden, Volksfreund für Oberschwaben, Montag 30. Juni 1923, Amtsblatt für den Oberamtsbezirk Ehingen
Breucha
Dornenkrönung
Die Wiederherstellung der Nasgenstadter Fälle

Die Wiederherstellung der Nasgenstadter Fälle schreitet fort: Nachdem im vorigen Jahre die fünf von sieben noch vorhandenen Bildstöcke unter opferwilliger Mittwirkung hiesiger und Nasgenstadter Bürger baulich wieder in Stand gesetzt und mit geschmiedeten Kreuzen versehen worden waren, hat nun einer derselben, nämlich der dritte durch die Freigebigkeit dreier hiesiger Stifter seinen Bildschmuck erhalten, nämlich eine Dornenkrönung in Majolika d.h. in gebranntem und farbig glasiertem Ton. Das Relief ist ein Werk des kürzlich in diesem Blatt zusammen mit dem von ihm geschaffenen Erbacher Kriegerdenkmal gewürdigten Bildhauers Karl Rieber von Unlingen-München und zeigt die charakteristischen Merkmale seiner Kunst: Es ist groß in der Auffassung, von tiefem Ernst und starker Innerlichkeit. Drei die ganze Höhe einnehmende Figuren füllen die Fläche aus. Nur das Wesentliche ist gegeben, Christus und zwei Peiniger, kein kleinliches Beiwerk ist hinzugefügt. Aber was für ein Christus! Vom furchtbarem Schmerz ist der Körper bis in die äußersten Zehenspitzen durchbebt, in menschlich-natürlicher Regungen weichen Haupt und Brust der schlimmeren von rechts herkommenden Misshandlung aus, unendliche, durch den körperlichen Schmerz allein noch nicht erklärte Trauer ist über das Antlitz ausgegossen. Und doch so viel Würde göttlichen Duldens, soviel übermenschliche, bis zur Liebe grausamster Freunde gehende Güte und Milde. Das ist der mittelalterliche Schmerzensmann, wie ihn jene innerliche Zeit auf tausend Erbarmebildern dargestellt hat. Diese musterhafte Schilderungen erhabenster Gefühle begründet den hohen Rang dieses Reliefs im bisherigen Lebenswerke des Künstlers.
Der vom Beschauer aus rechts stehende Peiniger ist die Hauptursache dieses Schmerzes und der Bewegung des Christuskörpers und formal die Begleitung dieser Bewegung. Der andere Scherge ist in Handlung und Temperament sein Gegenspieler und in der eigentümlichen und doch mit größter Natürlichkeit gegebenen Haltung bestimmt durch seine Aufgabe, die von rechts herkommende Bewegung aufzufangen. Übt jener infame Mensch mit widernatürlicher Freude an der Schmerzbereitung mit teuflischer Berechnung und grausamer Sorgfalt boshaftes Quälen, so dieser hoch aufgerichtete, brutale Geselle rohe Misshandlung. Welche Gegensätze zwischen ihnen selbst und gegenüber dem stillen Dulder in der Mitte.
Merkwürdig gut fügt sich das Relief dem reizenden kleinen Bauwerke ein. Wenn nicht der Glanz und die Farbe der Glasur wäre, die übrigens die Volkstümlichkeit erhöhen, könnte man meinen, diese Dornenkrönung sei schon immer, seit den Zeiten des Hieronymus Winkelhofer, darinnen gewesen. Und doch ist sie ein durch und durch neuzeitliches Werk. Freilich die Passion des Herrn veraltet nicht, dafür ist gesorgt, heute mehr denn je. Und dass sie von den berufenden Verkündern des Geistes der neuen Zeit tiefer erfasst wird als von dem vorausgegangenen Geschlecht, zeigt dieses kleine Kunstwerk überzeugend. Diese Dornenkrönung zeigt zugleich ein ergreifendes Sinnbild der deutschen Not. Unbewusst vielleicht hat der Künstler sie in seinem Bilde hingeschrieben. Muss uns dieser göttliche Dulder nicht auch ein Vorbild zum Tragen derselben sein?




Von den Nagenstadter Fällen
Ehingen 9.6.1924
Breucha

Die Kreuzigung
Nie wir der Geist eines Menschen das Geheimnis des Kreuzes ganz ergründen, nie ein Künstler in seiner Erhabenheit würdiges Gleichnis schaffen. Aber wenn ein Künstler mit ergriffener Seele schildernd den Kreuzweg de Herrn begleitet, muss er auch auf Golgotha einen Gipfelpunkt erreichen. An dem kleinen Kreuzweg der Nagenstadterfälle hat sich dies bestätigt: Die Größe des Themas hat bewirkt, dass diese Tafel künstlerisch bedeutender geworden ist, als die vorausgegangenen. Das ist eine schlechthin klassische Lösung der Aufgabe.
In den vorausgegangenen Stationen war dramatisches Geschehen zu schildern, auch im Ölberg, wo nur das Drama in das Innere des Helden verlegt ist. Nun ist der Höhepunkt erreicht und Ruhe eingekehrt: Als König und Sieger blickt der Herr von der Höhe des Kreuzes über unbegrenzte Fernen künftiger Geschlechter und Zeitalter. Königlich ist der Gebärde der machtvoll ausgebreiteten, eine Menschheit erlösend umschließender Arme, majestätisch die Vertikale bis hoch aufgerichteten Körpers. Vexilla regis prodeunt! Aber unter dem Kreuze beginnt die Spannung sich zu lösen. Schon die Wendung des Hauptes des Gekreuzigten hinüber nach der Mutter bedeutet einen leisen Anfang dieser Lösung, eine Milderung der feierlichen Strenge der sonst ganz frontalen Darstellung. Auf der weiche Fluss des die straff gespannten Glieder liebkosend umspielenden Lendentuchs mildert die Härte der Spannung. In den Gestalten von Maria und Johannes aber geht das Maestoso des Heldenliedes in ein sanft klingendes Adagio in Moll über. Maria ist eine wahrhaft große Leidträgerin: Ein Meer von Schmerzen wird heldenhaft und mit Würde getragen, aber nicht von einer versteinerten Niobe, sondern von einer liebenden Mutter. Der Schmerz ist hinabversenkt in die Brust und hat sich scheu zurück gezogen in das Innere, in die von faltenreichem Gewand umschlossene Tiefe. Die wunderbare Innerlichkeit ist es vor allem, was den hohen künstlerischen Rang dieser Madonnenfigur ausmacht. Echt fraulich ist die Neigung des Kopfes, rührend die stumme Klage der Arme und Hände. In weichen Bogen zu großen und kleinen Ovalen runden sich die in großem Zuge hinabfallenden und in Schlangenlinien wieder aufsteigenden Falten des bauschigen blauen Gewandes.
In der Figur des Johannes wird dasselbe Thema, die Klage der Liebe völlig neu abgewandelt. Schon die Neigung des Kopfes hinüber zum Gekreuzigten hat nicht die gleiche Weichheit wie dieselbe Bewegung der Madonna. Die linke Hand sucht zwar gerührt die Brust, aber sie schließt sich energisch auf derselben. Die große Bewegung der ausgestreckten Rechten lässt den Schmerz pathetisch ausströmen und ist zugleich ein erstes, tief empfundenes Zeugnis des dereinstigen Evangelisten. Der durch die in straffen Senkrechten abfallenden, vom großen Wurf des Mantels energisch überschnittenen Falten des Untergewandes durchschimmernde Körper behält auch im Schmerz die männlich-elastische Straffheit. Lauter reizvolle Gegensätze und doch sind alle drei Figuren durch die strengste Symmetrie, die z.B. aus den drei Köpfen und ihren Linien ein gleichschenkliges Dreieck bildet, auch formal auf das Innigste zusammengeschlossen. Die ganze Anordnung ist nicht das Ergebnis sorgfältiger Berechnung, sondern aus dem Unterbewusstsein, aus dem Schauen eines echten Künstler entsprungen.
Die Tafel ist von Nasgenstadter Bürgern gestiftet. Wir hoffen, dass die Opferwilligkeit Nasgenstadts auch die letzte Tafel, die Kreuzigung, noch stiften wird, denn es sind ja nicht die Ehinger, sondern die Nasgenstadter Fälle.




Von den Nasgenstadter Fällen
Breucha
Ehingen, 6.6.1924

Die Geißelung
Der zweite auf dem Acker des Kohlenhändlers Karl Greiner stehende Bildstock hat nun durch dessen Liberalität auch seine Majolikatafel von der Hand des Bildhauers Karl Rieber - München erhalten. Die Bildordnung dieser Geißelung ist von größter Natürlichkeit und darum so vornehm. Sie entbehrt trotz der kleinen Ausmaße nicht der aller Rieberschen Kunst eignenden Monumentalität. Mit drei aufrecht stehenden, die ganze Fläche füllenden Figuren ist wieder die Szene bestritten. Diese Anordnung barg die Gefahr in sich, langweilig zu wirken und der inneren Spannung zu entbehren. Riebers Kunst hat sie spielend überwunden und ohne die Ruhe des echten Kunstwerks zu opfern, reiches dramatisches Leben, Abwechslung und interessante Gegensätze in die Komposition hineingebracht. Der Vorwurf der Geißelung war ihm deswegen sogar sehr willkommen, weil er ihm die Gelegenheit gab, drei nackte, nur mit Lendentuch bekleidete männliche Körper zu gestalten und daran seine Meisterschaft in der Beherrschung der menschlichen Form zu zeigen und seine Leidenschaft zum Aktmodellieren nachgegeben. Er stellte den Heiland in Frontalstellung in die Mitte, etwas erhöht durch ein kleines Postament mit Stufe, die beiden Schergen, den einen als Rückenakt mit dem Kopf in Profilstellung, den anderen die Vorderseite darbietend, zu seinen beiden Seiten in strenger Symmetrie und Harmonie. Die Bewegung des Zuschlagens musste bei beiden im Ausgangsstadium dargestellt werden, wenn sie Kraft haben und überzeugend wirken sollte, ihre Kraft wird durch die leichte Beugung und die elastisch gespannte Muskulatur der Beine verstärkt und im weitausflatternden Lendentuch des einen Schergen widergespiegelt. Zu der Brutalität dieser herkulischen Gewaltmenschen steht der zarte Körper und das stille, verzeihende Dulden, die rührende Sanftmut des Heilands in einem ergreifenden Gegensatz. Der Schmerz kommt nur in dieser leichten seitlichen Neigung des Kopfes und der ängstlich zur Brust geführten linken Hand, sowie der wie in schüchterner Abwehr nach außen geöffneten rechten Hand zum Ausdruck. Bei den Schergen liegt die Schönheit in der plastischen Form, in zahlreichen prachtvoll modellierten Einzelheiten - man beachte z.B. die Muskulatur der Schulter des Rückenakts, bei dem anderen die federnde Bewegung des vorgesetzten Beines und die straffe Spannung des Standbeines, bei beiden die sorgfältige Herausmodellierung der Kniescheiben, eine Riebersche Liebhaberei, hier bei dem Heiland in dem wunderbaren seelischen Ausdruck. Der Adel dieses Schmerzenmannes stellt dem Rieberschen Gemüte das schönste Zeugnis aus. Denn der Bildhauer kann nur das gestalten, was in seiner Seele ruht. Die Fernwirkung, der vom blauen Hintergrund leuchtend sich abhebenden Körper ist eine ausgezeichnete. Die Tafel darf zum besten, was die Stadt an Kunstwerken besitzt, gerechnet werden.




Von den Nasgenstadter Fällen
Ehingen Oktober 1923
B.

Von den Nasgenstadter Fällen hat ein weiterer Bildstock, der erste von Ehingen her, durch die Freigebigkeit eines hießigen Bürgers seinen plastischen Schmuck erhalten. Es ist ein Ölbergrelief in Majolika von der Hand des Bildhauers Karl Rieber von Unlingen-München und wieder ein gediegenes Kunstwerk neuzeitlichen Geistes. Diese Charakterisierung bedeutet Abwendung von der in den letzten Jahrzehnten geübten äußerlichen Naturnachahmung und von dem Schönheitsideal der klassisch italienischen Renaissance, Betonung des seelischen Ausdrucks und Annäherung an die Kunst des deutschen Mittelalters. Wir können diese Eigenart des Rieberschen Werks leicht durch Vergleichen feststellen, denn wir haben auf unserem Kirchplatz zwei Ölberge, einen neueren naturalistischen an der Südwand mit naturnäheren Figuren, aber mit wenig Seele, den äußeren Vorgang "Christus am Ölberg" darstellend und einen mittelalterlichen gegenüber dem Chor der Kirche, den ein Handwerker mit unbeholfener Hand, aber mit ergriffenem Herzen geschnitzt hat und er die Todesangst Christi darstellen will und ahnen lässt. das war auch die Aufgabe, die Rieber sich gesellt hat, und man wird gestehen müssen, dass er die Verlassenheit und Hilflosigkeit des Herrn und die ganze Schwere jener Stunde, aber auch die kindliche Hingabe an den Willen des Vaters in ergreifender Weise geschildert hat. Der Ausdruck seiner Todesangst wird noch gesteigert durch den Gegensatz zu der Seelenruhe der drei Apostel, deren tiefer Schlaf so überzeugend wiedergegeben ist, dass man die gleichmäßigen Atemzüge zu hören vermeint. Ein Lichtstrahl fällt in den Ernst der Szene durch den auf einem Wölklein herbei fliegenden Engel mit dem Kelch.
Von einer gewissen Kindlichkeit ist nicht nur dieser Engel, sondern das ganze Werk. Wir erblicken darin einen großen Vorzug, denn es ist ein hohes Ziel, zugleich Kind und Künstler zu sein. Viele Großen der deutschen Vergangenheit waren es: Walther von der Vogelweide, Dürer, Mozart, Hölderlin und Christus hat selbst das Gebot aufgestellt, zu werden werden wie die Kindlein. Diese Kindlichkeit bewährt Rieber insbesondere in der Gestalt des Heilandes. Sie steckt aber auch in dem ganzen Aufbau der Szene. Es war nicht einfach, den betenden Heiland und die einen Steinwurf davon entfernt schlafenden Jünger auf so kleinem Raum darzustellen. Auf unserem mittelalterlichen Ölberg des Kirchplatzes wollte der Schnitzer jenen räumlichen Abstand dadurch vortäuschen, dass er die drei Schläfer kleiner machte. Aber die Täuschung gelingt ihm nicht, die Plastik hat eben andere Gesetze als die Malerei. Die Riebersche Lösung ist das Ei des Kolumbus. Er entrückt Christus den Aposteln, indem er ihn auf eine etwas erhöhte Felsplatte stellt und überlässt es der Phantasie des Beschauers, den Abstand zu konstruieren, und weil die zwei rechtsseitigen Schläfer nicht nebeneinander Platz haben, ordnet er sie übereinander. Das ist sehr kindlich und doch durchaus künstlerisch. Rieber konnte das wagen, weil er durch seine künstlerische Kraft die ganze Szene aus der bloßen Natur in das Reich der Mystik erhoben hat. Der Naturalist hätte die Schranken der Raumgesetze nie übersprungen.
Wie sehr Rieber aber auf der anderen Seite doch wieder Kulturmensch ist und wie meisterhaft er die Form des menschlichen Körpers beherrscht, beweist namentlich die Figur des Petrus mit dem kahlen Philosophenkopf. Die Farbengebung ist zum Vorteil des Werkes, insbesondere der Fernwirkung und der Volkstümlichkeit kräftiger als bei der Dornenkrönung.
Da die Geißelung Christi fest bestellt ist und demnächst fertig wird, da auch für die Kreuzigung ein Stifter aus Nasgenstadt in Aussicht ist und Nasgenstadt gewiß noch die Kreuztragung übernehmen wird, ist zu hoffen, dass die ganze Wiederherstellung der Nasgenstadter Fälle diesen Winter noch vollendet wird.


Von den Nasgerstadter Fällen
Mit Schreibmaschine geschrieben, kein Datum
A. Breucha

Nun ist auch die letzte Tafel, die Kreuztragung, die noch gefehlt hatte, eingesetzt und der Kreis des schmerzhaften Rosenkranzes geschlossen. Bisher war Christus immer in unbewegter Stellung, kniend am Ölberg, stehend bei der Geißelung, sitzend bei der Dornenkrönung, hängend am Kreuze darzustellen. Bei dieser Tafel war Bewegung und Kraftentfaltung, Schreiten und Tragen zu schildern. Das ist großer Meisterschaft geschehen. Der Sinn der Darstellung, das Wesentliche des Vorganges ist noch eindringlicher und klarer, noch einfacher und monumentaler herausgearbeitet. Die Kraft Riebers, der überhaupt zur Zeit eine Entwicklung zu reinerer und größerer Form durchmacht, ist mit dem Fortschreiten dieses Kreuzweges, dessen Ausführung die großen Aufträge der letzte Jahre begleitete, gewachsen. Die größere Monumentalität wird schon durch die Verringerung der künstlerischen Mittel, die Verminderung der für die Szene aufgebotenen Personen (nur noch zwei Hauptfiguren und ein kleines Nebenfigürchen), die größere Eindringlichkeit durch die starke Betonung und Vordrängung der Hauptfigur und ihres Handelns durch die Häufung der die Vorwärtsbewegung suggerierenden Motive und Schaffung gewisser Gegensätze ergeht. Dreimal wird das Motiv des im Schreiten gebeugten Beines wiederholt. Ein die Gruppe vorwärts treibendes Motiv von stärkster Suggestivkraft ist die Geste des wie ein Wegweiser "nach Golgotha" ausgestreckten Armes des Schergen. Sie wirkt wie ein zwingendes Kommandowort, ein keinen Aufenthalt duldendes "vorwärts". Die Wirkung dieser das Bild durchschneidenden zu den Senkrechten der drei Körper kontrastierenden Horizontalen wird durch ihre Wiederholung in dem parallel darüberlaufenden Wölkchen verstärkt. Mit gleichen Nachdruck wie das Schreiten ist die Mühsal des Tragens und die Schwere der körperlichen und seelischen Last veranschaulicht: Die zu Tode betrübten Züge des Kreuzträgers und die Haltung des von dem ungefügen Holze niedergedrückten Körpers zu der hoch aufgerichteten Gestalt des Schergen bringen sie ergreifend zum Ausdruck. Und doch geht das Heldenhafte dieses Kreuzträgers in der Mühsal und Trauer nicht unter, er läuft doch seinen Weg als ein Held. Hier gipfelt die Schönheit dieser Tafel. Diese Vergeistigung der Form, diese Tiefe des seelischen Gehaltes ist der naturalistischen Kunst der Vorkriegszeit nicht gelungen. Das ist wieder eine kernige und durch und durch deutsche religiöse Kunst und ihr bester Vorzug ist ihre Volkstümlichkeit.
Die Sammlung der Gelder für diese Tafel war eine der letzten Unternehmungen des H.H. Pfarrers Gaus von Nasgenstadt. Als sie eingesetzt wurde lag er bereits im Krankenhaus. Die noch für diesen Monat geplante Einweihung des Kreuzwegs vorzunehmen war ihm nicht mehr beschieden. Das Werk der Wiederherstellung dieser kleinen Passion, mit der der fromme Sinn unserer Vorfahren den Weg von Ehingen nach Nasgenstadt verschönt hat, und die schon dem Untergang endgültig verfallen zu sein schien, ist damit glücklich vollendet. Den Ehinger und Nasgenstadter Stiftern der Tafeln, allen auch, die an der Wiederherstellung der Bildstöcke gearbeitet haben, und nicht zuletzt dem Künstler, der sie mit so viel Liebe und Opfersinn geziert hat, sei noch einmal ein herzliches Vergeltsgott gesagt.


1925

Mengen
Auszug aus dem Staatsanzeiger Nr. 52 vom 4.3.1925

Die kürzlich erfolgte Aufstellung des von Bildhauer Karl Rieber in München geschaffenen Kriegerdenkmals ist als ein Ereignis von weit größerer als bloß örtlicher Bedeutung anzusprechen. Denn diese mit Sockel annähernd 7 Meter hohe Kreuzigungsgruppe mit drei Meter hohen Figuren ist nicht nur den Ausmaßen nach wohl das größte bildhauerische Denkmal in Würrtemberg, sondern auch an Monumentalität und Stärke des seelischen Ausdrucks und des formal-künstlerischen Gehalts ein außergewöhnliches Werk und eine geradezu klassische Lösung sowohl durch die Wahl des Platzes gestellten Raumproblems, als der eigentlichen Denkmalsaufgabe. Mit hohem Wollen und tiefen Ernst ist Rieber an die Lösung der ihm mit jedem Sinnbild gesetzten Aufgabe herangetreten. Das hervorstechendste Merkmal seiner Kunst ist überhaupt der Zug ins Heroische. Der Gekreuzigte ist der tätige Held der Szene. Die zwei anderen Figuren sind menschliche Spiegelungen dieses Heldentums, in dem Göttliches und menschliches sich durchdringen. Freier strömt der Schmerz aus dem Mutterherzen der Maria, gehaltener kreist er in der Männerbrust des Johannes, hinter den so ausdrucksvoll - und doch so natürlich diese Bewegung - symbolisierenden Händen. Diese beiden Gestalten, deren Umrisse mit jedem Wechsel des Standorts freudige Überraschungen hervorrufen, bringen in die ganze Gruppe großen Rhythmus, eine breit strömende Welle warmen Gefühls. Das Kriegerdenkmal von Mengen ist ein Zeichen einer neuen Zeit und einer neuen Kunst und doch ein reiner Ausdruck der gemütvollen oberschwäbischen Volksseele, eine Schöpfung, die in unseren neuen Begriffen von Kunst und Kunstwerk und insbesondere unseren heutigen Ansprüchen an ein religiöses Kunstwerk entspricht, auch dem gemeinen Manne verständlich, ein Heldenlied und ein Volkslied zugleich von eherner Wucht und zarter Empfindung.



Mengen
Fotokopie eines Zeitungsartikels, ohne weitere Angaben
Breucha, Ehingen

Die kürzlich erfolgte Aufstellung des von Bildhauer Karl Rieber in München geschaffenen Kriegerdenkmals ist als ein Ereignis von weit größerer als bloß örtlicher Bedeutung anzusprechen. Denn diese mit Sockel annähernd 7 Meter hohe Kreuzigungsgruppe mit drei Meter hohen Figuren ist nicht nur den Ausmaßen nach wohl das größte bildhauerische Denkmal in Würrtemberg, sondern auch an Monumentalität und Stärke des seelischen Ausdrucks und des formal-künstlerischen Gehalts ein außergewöhnliches Werk und eine geradezu klassische Lösung sowohl durch die Wahl des Platzes gestellten Raumproblems, als der eigentlichen Denkmalsaufgabe. Der Friedhof erhält durch die Architektur und die Lage des Denkmals auf einer leichten Anhöhe und am Ende des neues Hauptweges eine neue Beherrscherin, die den Blick von ihn bisher beherrschenden unschönen Friedhofskapelle, einem nüchternen, neugotischen Backsteinbau, ablenkt. Die Ehrung der Gefallenen der Stadt aber konnte nicht großartiger und nicht ergreifender geschehen als durch dieses religiöse Motiv und durch diese tiefe Erfassung und künstlerische Gestaltung desselben. Oder mit welchen anderen, vollends mit welchem profanen Vorwurf hätte dieser Grad tätigen Heldentums, diese Stärke im Tragen großen Leides, diese Innigkeit der Teilnahme ausgedrückt werden können, wie mit diesem Gekreuzigten, dieser Schmerzensmutter, diesem Liebesjünger?
Das christliche Heldenideal ist anders das griechisch-römische. Ich wüsste keine klassische Plastik, welche das ausspricht, was das christliche Volk von einem Erinnerungszeichen an Opfertod für Heimat und Vaterland versinnbildet sehen möchte, die wir ohne weiteres auf ein Denkmal zur Ehrung unserer Gefallenen des Weltkrieges stellen könnten. Das antike Heldenideal hat andere Beweggründe und ist ohne Hoffnung. Von erschütternder Größe ist der Beweggrund der Helden der Thermopylen, und ein Sterben in Schönheit ist der Tod eines spätrömischen Gladiators auf dem römischen Kapitol. Aber unendliche Trauer ist darüber ausgegossen. Hinter dem antiken Heldentum erhebt sich die pessimistische Frage "wozu?", und traurig tönt das Echo zurück: "Umsonst!" Das christliche Heldenideal aber ist hoffnungsvoll und sieghaft, auch wenn es untergeht. Darum konnte auf das Denkmal der Gefallenen von Wörth das triumphierende Wort geschrieben werden, das das Heidentum nicht wagen konnte: "evigilabunt". (Sie werden erwachen) Sein Beweggrund ist die Liebe, sein Trost das geheimnisvolle Gesetz: "Wer sein Leben verliert wird es gewinnen", sein erhabendstes Vorbild der Gekreuzigte.
Je höher das Symbol, desto größer die Aufgabe des Künstlers. Mit hohem Wollen und tiefem Ernst ist Rieber an die Lösung der ihm mit jedem Sinnbild gesetzten Aufgabe herangetreten. Das hervorstechendste Merkmal seiner Kunst ist überhaupt der Zug ins Heroische. Aber nie ist sie monumentaler und feierlicher gewesen, als in der Hauptfigur dieser Gruppe. Das Leid dieses Angenageltseins an die wuchtigen Kreuzesbalken ist nicht ein hilfloses Erliegen unter fremder Gewalt, sondern gewollte und bewusste Selbstaufopferung. Willensstarke und zielbewusste Hingabe ist der Sinn der Edlen Haltung des etwas vorgestreckten Hauptes, Liebe der Sinn der großen Bewegung der machtvoll ausgebreiteten Arme. Der Schmerz der furchtbaren Marterung ist gebändigt, vornehme Ruhe ist trotz der ungeheuren, jeden Muskel straffenden Spannung über die Gestalt ausgegossen. Ihr zuliebe sind auch die beiden Füße nicht übereinander, sondern nebeneinander angenagelt. Auf den Zügen des Antlitzes aber erscheint milde verklärende Liebe. Trotz sorgfältiger Durchbildung aller Einzelheiten eine große symbolische Gesamtwirkung, stärkste Überwindung und Vergeistigung der Natur.
Der Gekreuzigte ist der tätige Held der Szene. Die zwei anderen Figuren sind menschliche Spiegelungen dieses Heldentums, in dem Göttliches und Menschliches sich durchdringen, sein Echo aus tiefsten Gründen der Menschlichkeit, die Antwort der edelsten Gefühle der Menschenbrust, der Mütterlichkeit und der Freundschaft. Freier strömt der Schmerz aus dem Mutterherzen der Maria, gehaltener kreist er in der Männerbrust des Johannes, hinter der so ausdrucksvoll und doch so natürlich diese innere Bewegung symbolisierenden Hände. Stolzer und herber ist er bei der am Heldentum des Sohnes teilhabenden, seinen heroischen Beweggründen nahestehenden Mutter, weicher bei dem zärtlichen Freunde. Diese beiden Gestalten, deren Umrisse mit jedem Wechsel des Standorts freudige Überraschungen hervorrufen, bringen in die ganze Gruppe den großen Rhythmus, eine breit strömende Welle warmen Gefühles.
Das Kriegerdenkmal von Mengen ist ein Zeichen einer neuen Zeit und einer neuen Kunst und doch ein reiner Ausdruck der gemütvollen oberschwäbischen Volkseele, eine Schöpfung, die unsern euen Begriffen von Kunst und Kunstwerk und insbesondere unseren heutigen Ansprüchen an ein religiöses Kunstwerk entspricht, aber dennoch dem gemeinen Manne verständlich ohne die Fragwürdigkeit, die so vielen neuzeitlichen Kunstwerken anhaftet, ein Heldenlied und ein Volkslied zugleich von eherner Wucht und zarter Empfindung.


 

Mengen

Bayerischer Kurier und Münchner Fremdenblatt
29.11.1924
Bildende Kunst

Dieser Tage konnte man in den Werkstätten für Grabmalkunst, Firma Theis u. Thürrigl (Schäftlarnstraße) eine Kreuzigungsgruppe des Bildhauers Karl Rieber sehen, die als Kriegerdenkmal für den Kirchhof in Mengen bestimmt war. Rieber, seit 12 Jahren in München tätig, hat sich bekannt gemacht durch ein Kriegerdenkmal, das für den Kirchhof in Rottweil bestellt war und den heiligen Sebastian zum Gegenstand hatte. Der Bildhauer ist aus Unlingen, Oberamt Riedlingen gebürtig, und man darf es begrüßen, dass sich die schwäbische Heimat seiner angenommen hat. Es handelt sich dabei um keinen Stammpatriotismus, denn Rieber besitzt starke Fähigkeiten.
Es war ihm eine monumentale Aufgabe gestellt. Der Gekreuzigte, Maria und Johannes sollten in Überlebensgröße für eine Erhöhung des Gottesacker geschaffen werden, deren Hintergrund die feierliche Wand eines Tannicht bildet. Die Klagefiguren waren auf eine Höhe von drei Meter, der Heiland auf 4 Meter festgesetzt. Die Gesamthöhe des Kreuzes kommt bei Errichtung auf dem



Generalanzeiger der Münchner neuesten Nachrichten
Dienstag 16.12.1924

Eine große Kreuzigungsgruppe war dieser Tage aufgestellt auf dem Steinwerkplatz von Theis und Thürrigl an der äußeren Schäftlarnstraße. Die Gruppe besteht aus dem 7 Meter hohen Kreuz und den fünf Meter hohen Figuren Maria und Johannes, alles in Muschelkalk, und soll in Mengen in Württemberg den Hintergrund eines berganziehenden schmalen Friedhofgeländes abschließen, zugleich auch dem Kriegergedächtnis dienen. Der Künstler, Bildhauer Karl Rieber, hat in der Auffassung des Gekreuzigten und der Beifiguren den Monumentalgedanken vorangestellt, eine herbe, wuchtige Verhaltenheit des seelischen Ausdrucks, der eine ruhige breite Behandlung der Formen und Gewänder entspricht.



1928

Friedrichshafen
Einweihung der Petrus-Canisiuskirche am 25.11.1928

Bischof Dr. Sproll

Friedrichshafener Tagblatt
Montag 16.6.1928
Schriftsteller Josef Mayer, Friedrichshafen

Bildhauer Karl Rieber - München und sein neuestes Monumetalwerk an der Petrus-Canisiuskirche in Friedrichshafen a. B.

Schilderung des bisherigen Werdegangs Bildhauers
Drei Abschnitte

In den Jahren 1927/28 war es dem Künstler vergönnt, ein neues Monumentalwerk für die. neue Petrus-Canisiuskirche in Friedrichshafen a. B. Zu schaffen. Der Auftrag des Kirchenstiftungsrates lautete auf die Schöpfung einer Kreuzigungsgruppe über dem Hauptportal in anderthalbfacher Lebensgroße. Der Künstler fertigte hierauf ein Modell der Fassade in Ton, um die Figurengröße und deren Platzierung in der Architektur zu ermitteln. Diese unverbindliche Vorarbeit des Künstlers wurde begutachtet und im Oktober 1927 wurde ihm von der Kirchenverwaltung der definitive Auftrag zur Schaffung eines Kunstwerkes erteilt. Der Künstler legte hierauf ein Modell im Maßstab 1:10 vor und machte nach dessen Genehmigung Vorstudien in einem Drittel der Ausführungsgröße. Diese gründliche und gewissenhafte Vorarbeit bildete den Ausgangspunkt für die Hauptarbeit nämlich für die Schaffung der endgültigen Modelle für das Werk. Dies Arbeit erstreckte sich über eine Zeitspanne von einem halben Jahre. Nach diesen Modellen wurde die Kreuzigungsgruppe an Ort und Stelle in Crailsheimer Muschelkalk gehauen. Rieber hat seine Arbeit am 14. Juli 1928 beendet.
Die Gruppe liegt 14 Meter über der Erde und bildet ohne allen Zweifel den schönsten Außenschmuck der Kirche. Der Christuskörper hat eine Höhe von 3 Metern, die beiden Assistenzfiguren eine solche von 2,5 Meter. Die ganze Gruppe atmet Seelentiefe und Harmonie. Der Heiland befindet sich als Gottmensch in göttlich getragenem Leiden, das er in Erfüllung der ihm von Gott Vater auferlegten Mission überwindet. Sein Haupt ist leicht der erlösten Menschheit zugeneigt. Die ausgebreiteten Arme des Welterlösers sagen: ich umfasse mit meiner Liebe die ganze Welt und ziehe sie in meinen Schutz.
Die Gottesmutter zeigt in ihrer Gestaltung mütterliche Zuneigung zu ihrem göttlichen Sohn und gelöstes Tragen ihres Schmerzes über dessen Opfertod, den Schmerz mit den Händen leise in der Brust wahrend.
Johannes, der Lieblingsjünger, ist von Schmerz bedrängt; er trägt ihn in sich in männlicher Fassung und weist mit seiner Rechten auf das Kreuzopfer hin.
Die Figuren sind in kräftiger Formgestaltung gestaltet, um ihren seelischen Gehalt den auf Erden wandelnden Menschen mitzuteilen.


Ein weitgehend inhaltsgleicher Artikel von Josef Mayer erschien unter der Rubrik Literatur und Kunst in der Wochenbeilage der Süddeutschen Zeitung, Jahrgang 1928, Nr. 351



Die neue St. Petrus-Canisius-Kirche in Friedrichshafen
Albert Pfeffer, Lautlingen, Vorstand des Kunstvereins der Diözese Rottenburg

Auszug
...
Das Außenbild wird wesentlich bestimmt durch das prachtvolle Klinkermauerwerk ...
...
Die Fassade mit dem rechtwinklig abgetrappten wuchtigen Giebel und den drei großen Portalöffnungen wirkt bei aller Schlichtheit ungemein feierlich. Nicht wenig trägt dazu die an der Giebelhochwand angebrachte monumentale Kreuzigunggruppe bei, ein Werk des Kunstbildhauers Karl Rieber - München, der mit dieser Gruppe das seelisch tiefste und monumental Gewaltigste und Ausgreifteste geschaffen und damit eine neue Probe seines hohen künstlerischen Könnens gegeben hat. Auch sein Relief über dem mittleren Hauptportal, den hl. Kirchenlehrer Petrus Canisius mit demmgelehrigen Schüler darstellend, ist eine Arbeit voll stärker Intuition und Gestaltungskraft.




Herrlingen
Augsburger Postzeitung, 3.9.1922
Dr A. Wurm

Ein neues Kriegerdenkmal

Bildhauer Karl Rieber hat einen hl. Sebastian vollendet, der für das Kriegerdenkmal in Herrlingen bestimmt ist. Die Gestalt eines Jünglings, der an einen Baumstamm gebunden ist, hat nicht ganz Lebensgröße. Seine Formen sind schön und in der Blüte der Kraft. Der rechte Arm greift an die Brust, der linke erhobene ist eingeknickt, die Hand zum Hinterkopf gesenkt. Die Kraft der Beine ist leise erschüttert. Mit diesen Andeutungen ist wenig gesagt für die künstlerische Auffassung. Ihr Geheimnis ruht in dem leisen Rhythmus, der den ganzen Körper durchwaltet, der empordringt in den linken Oberarm, sich im Unterarm senkt und in den rechten Oberarm herabflutet, im Unterarm sich vorläufig schließt, während der leicht gesenkte Kopf mit seiner sanft-herben Trauer Mittelpunkt und Hauptton für die elegische Symphonie dieses Lebens bildet. Die Bewegung aber strömt in leicht kontrapostischem Klang weiter, drängt die Oberschenkel aneinander und den rechten Unterschenkel leicht seitlich zurück. Das Ganze sinkende Welle, der Beginn zwar; aber wir sehen, es gibt keine Rettung; der Jüngling wird, muss langsam zusammenbrechen. Das erfüllt uns mit Trauer. Denn was hier zusammenbricht ist Schönheit, Blüte, Adel der Jugend. Nein, nicht der Adel bricht zusammen. Im Gegenteil wir erleben es vor dieser Gestalt: Der Adel dieser Jugend wird bleiben, wie auch im ganzen Rhythmus dieses Werkes etwas ist, was unserer Trauer eine Art stillen, milden Frieden beimischt.
Kann man sich für ein Denkmal der Gefallenen des letzten verlorenen Krieges eine tiefere und befriedigendere Auffassung denken? Alle unsere Empfindungen sind hier Gestalt, Form, höheres Leben geworden: unsere Liebe für unsere schöne, kraftvolle Jugend, ihren heldenmütigen Adel, für ihre ungeheure Leistung, der der Sieg gebührt hätte, unsere Trauer über ihr Versinken und unser allen tiefen Fall und doch wieder der Glaube, nein das Schauen der in alledem doch fühlbaren unvertilgbaren ewigen Werte. Freilich, man muss sich an des Künstlers hingeben, um das zu fühlen. Denn nichts ist in ihm laut, großtönend, äußere Wirkung suchend, alles leise, einfach, für sich seiend. Das gerade aber bedingt seine Wahrheit und innere Vornehmheit. Was sollte auch ein pompöses, kraftmeierisch auftrumpfendes Denkmal nach diesem Krieg! Aber wenn auch alles an diesem Werk von leisem Klänge ist, so ist es doch von einem großen Reichtum lebensvoller Durchbildung. Man muss nur Partien wie die um die linke Brust, die Knie, die rechte Schulter darauf hin betrachten, und man wird staunen über die Fülle differenzierter Formen, die gleichwohl alle aus der Einheit des Lebens, des in den künstlerischen Rhythmus hinüberkreisenden
Lebens gestaltet sind. Wahrlich, der Künstler hat dem grauen Muschelkalk alles abgerungen, was er hergeben konnte - bei einem so vollendeten Techniker der Bildhauerei allerdings nicht verwunderlich. So erhält der kleine württembergische Markt ein Denkmal von einer künstlerischen Höhe, um das ihn große Städte beneiden werden. Mögen Herrlingens Bürger immer Träger des edlen und hohen Geistes bleiben, der darin lebt und nun in edelster Formung in ihrer Mitte sein wird.



Herrlingen
Riedlinger Zeitung, Dienstag, 19.9.1922
Lokaler Teil für Riedlingen und Umgebung
Breucha


Kriegerdenkmalsweihe in Herrlingen

Am gestrigen Sonntag Nachmittag wurde in Herrlingen das Kriegerdenkmal eingeweiht. Schön war die Feier durch das, was dabei zum Andenken an die teuren Gefallenen in Rede, Lied und Musik vorgetragen wurde, durch den Geist der Dankbarkeit und liebevollen Gedenkens, von dem sie beherrscht wurde, durch die stille Wehmut, die darüber ausgebreitet war, durch die Trauer der Mütter, deren Wunden wieder zu bluten und deren Tränen wieder zu fließen anfingen. Schön war sie, insbesondere auch deswegen, weil in der Erinnerung an die gefallenen Helden der Gegenwart wieder einmal das Beispiel Pflichttreue und Opfersinn aufleuchtete, und weil diese Tugenden in dem Denkmal eine wahrhaft würdige und gebührende Ehrung finden.
Die Wahl des Kriegsheiligen Sebastian als Denkmalfigur bot dem Künstler, Karl Rieber von München-Unlingen Gelegenheit, hinsterbende Jugendkraft und Schönheit darzustellen und er hat sie dargestellt in einer so vornehmen, edlen und durchgeistigten Auffassung, dass ein Kunstwerk von hoher Reife entstand den ist. In dem prachtvollen Rhythmus, der den ganzen Körper durchzieht, in der starken Vergeistigung und Beseelung der plastischen Form, in der über die ganze Gestalt ausgegossenen Trauer liegt die Schönheit des Werks. Diese Jünglingsgestalt ist nicht mehr bloß ein Stück Natur, in ihr hat ein Gedanke Gestalt gewonnen, sie ist die Verkörperung der vollkommenen Hingabe an eine große Idee, der Selbstopferung für eine große Sache. Darum erfüllt uns dieses Sterben zwar mit Trauer, aber nicht mit der Trauer der "Heiden, die keine Hoffnung haben". Das ist ein Sterben, von dem das geheimnisvolle Schriftwort gilt: wer das Leben verliert, der wird es gewinnen. Darum kann dieser Jüngling ein Denkmal sein für das Heldentum dieser braven Gefallenen, die in Treue, in Erfüllung der Pflicht, für Heimat und Vaterland das Opfer ihres jungen Lebens gebracht haben und - trotz des unglücklichen Ausgangs des Krieges - gewiss nicht umsonst gebracht haben. So kann dieses Denkmal unserer gerade an Hochherzigkeit so Armen Zeit etwas geben. Darum ist ein solches eine unschätzbare Bereicherung einer Gemeinde. Freilich verlangt solche herbe Größe liebevolles Sichversenken um sich zu offenbaren, während die landläufigen, dem Zeitgeist sich anpassenden Motive, z. B. des sterbenden Kriegers mit dem tröstenden Engel in der üblichen braven, sentimentalen Aufmachung dem Volke leicht eingehen, - allerdings um bald jegliches Interesse wieder zu verlieren. Wie dieses Denkmal die Umgebung seines Standorts souverän beherrscht, wird es sich die Aufmerksamkeit und Anerkennung der Kunstfreunde von Nah und Fern erringen. Die größte Befriedigung für den Künstler aber wird es sein, wenn es sich auch einen Platz im Herzen der Bürger von Herrlingen und Weidach erobert.


Riedlingen
Riedlinger Zeitung Nr. 252, 20.10.1928
Dr. Zeller


Kriegerdenkmal Riedlingen

Als Einführung zur morgigen Weihe des Kriegerdenkmals und seiner Übernahme durch die Stadt mögen, ohne einer späteren eingehenden, künstlerischen Würdigung des Denkmals durch berufene Seite vorzugreifen, foldende Zeilen dienen.

Seit Donnerstagabend 6 Uhr steht das Kriegerdenkmal fertig draußen im Friedhof auf dem Ehrenfeld der Gefallenen - erst zehn Jahre nach Beendigung des blutigen Ringens. Und es war gut, dass wir so lange warteten; da konnten auch die vielen Schwierigkeiten und Hindernisse, die mit der Denkmalsfrage auftauchten, in den Kommissionen tüchtig durchberaten und manche Fehler, die da und dort bei der Erstellung von Kriegerdenkmalen gemacht wurden, vermieden werden. Für die Wahl des Platzes war ausschlaggebend die Tatsache, dass auf dem Ehrenfeld des hiesigen Friedhofs, die Soldatengräber vorhanden sind; von diesen weg wandern die Gedanken hinaus zu den großen Sammelfriedhöfen in fremden Ländern, wo ungezählte Kameraden derer ruhen, die hier in die Heimaterde gebettet sind. Kriegergrab und Kriegerdenkmal gehören zusammen! - Und die Soldaten hier sollten nicht umgebettet werden, sie sollten ruhen dürfen an ihrem ersten Ehrenplatz inmitten des Friedhofs in ihren wohlgepflegten Gräbern.

Und nun zum Denkmal selbst! Es ist nach Größe des ganzen Aufbaues, nach der Höhe der Figuren und nach seiner Lage mit Überlegung und Bedacht feinsinnig hineingestellt in den verfügbaren Raum, der durch eine nachfolgende Bepflanzung erst seine Endgültige Ausgestaltung erhalten wird. Der Unterbau - aus schön getöntem unverwüstlichem fränkischen Muschelkalk - erhebt sich ohne Sockel wie eine dorische Säule unvermittelt aus dem Erdreich in eine Höhe von 2,05 Meter; seine Breite beträgt 1,90 Meter, seine Tiefenausdehnung 0,70 Meter. Einfachheit und stille Größe waren wie in der klassischen Kunst für den Entwurf des Künstlers entscheidend; deshalb auch die kurze, in erhabenen lateinischen Majuskeln monumentalwirkende Inschrift: „Unseren Gefallenen 1914 - 1918“. Als Symbol des Krieges ist an der Stirnseite oberhalb der Inschrift die ausdrucksvolle Maske eines behelmten Kriegers in den Stein gemeißelt. Der Unterbau ist bekrönt mit einer Kreuzigungsgruppe, deren Figuren etwas unter Lebensgröße gehalten sind; Christus 1,40 Mtr., Maria 1,25 Mtr., Johannes 1,30 Mtr.; die Höhe des Kreuzes beträgt 1,65 Mtr. Die Kreuzigungsgruppe wurde für das Denkmal gewählt mit Rücksicht auf ihren Standort im Friedhof und dann vor allem wegen ihrer Idee: Symbol des Opfers. Die geschlossene Gruppierung der Figuren erzielt eine wirkungsvolle Einheit der künstlerischen Form und der dargestellten Idee; diese drei sind eins in ihrem Leiden. Gerade bei dieser Gruppe konnte der Künstler seine Erfahrungen in Gestaltung und Stellung verwerten, die er bei der Bearbeitung der monumentalen Kreuzigungsgruppen im Friedhof in Mengen und diesen Sommer erst, an der neuen katholischen Kirche in Friedrichshafen sich gesammelt hatte. Das Material - Bronze - erhöht die lebensvolle Gestaltung der drei heiligen Personen und gibt mehr Wärme und tiefere Empfindung als der harte, strenge Stein. Die Figuren tragen ein starkes Gepräge unserer Zeit sowohl, als auch des Künstlers selbst; aber sie reden eine Sprache, die allen verständlich ist: Christus, die anderen Figuren überragend, mit dem hageren, aufs feinste durchmodellierten Körper, in seiner ruhigen, würdevollen Gesamthaltung an die gekrönten Kruzifixe romanischer Kunst erinnernd, bringt zum Ausdruck Wehmut, Schmerz, Ergebung, und in dieser Ergebung den Seelenfrieden und die sieghafte Kraft des Überwinders, der gerade durch das Leiden siegt und spricht: Es ist vollbracht. In sanfter Neigung bewegen sich die beiden Gestalten der Mutter Gottes und des Lieblingsjüngers hin zu dem Gekreuzigten: Andacht, Sammlung, Mitleiden im Ausdruck des Gesichtes, ausgeprägt durch die ganze Haltung und Bewegung, teilnehmend an dem großen Opfer und Leiden des Erlösers und von ihm empfangend die Kraft zum Tragen des Schweren. So ist die Kreuzigungsgruppe zugleich Symbol der Leiden und und Leidenden des Krieges.

Entworfen und ausgeführt hat das Denkmal der aus dem nahen Unlingen stammende, in München wohnende, akademische Bildhauer Karl Rieber, der in einer hiesigen Steinhauer-Werkstätte seine Lehrzeit durchgemacht, und nachdem er seine künstlerische Begabung entdeckt hatte, mit den größten Entbehrungen sich den Weg zur Akademie gebahnt hat. Längst hat der kraftvolle Meister mit seinem stark ausgeprägten persönlichen Stil einen guten Namen unter den religiösen Plastikern der Gegenwart. In Herrlingen, Mengen, Neufra, Unlingen, Rottweil, Erbach, Rißtissen, Allmendingen stehen Kriegerdenkmale von ihm, in Heinrichsdorf bei Passau ist sein bekannter Nikolaus-Altar und an der neuen Friedrichshafener Kirche war ihm der figürliche Schmuck der Westfront - ebenfalls eine Kreuzigungsgruppe - übertragen. Die hiesige Arbeit gehört zu den am meisten beseelten Werken seiner Hand, zeugt von künstlerischer Reife und Beherrschung, starker Kraft der Gestaltung und vollendeter Auswertung der gegebenen Raumverhältnisse. Wir haben in Riebers Kreuzigungsgruppe ein Kunstwerk ersten Ranges in unsere an moderner Kunst so arme Stadt gebracht, das dauernd in seinem Material, vornehm in Farbe und Aufbau, edel und stark in seiner Form, tief in seinem religiösen Gehalt uns und viele Geschlechter nach uns mahnt an das Schwere, das eg und Nachkriegszeit über uns gebracht haben.

Wo bleiben aber, so wird mancher fragen, die Namen der Gefallenen? Sowohl künstlerische Rücksichten, die Einheit und die stille Würde des Denkmals nicht zu stören, als ganz besonders das Beispiel der Vorfahren, welche die Gedächtnistafel der Krieger von 1870/71 an die Südseite der Kirche angebracht haben, bestimmten die Denkmalskommission nach langen Beratungen dazu, auch für die Gefallenen des Weltkrieges, die ehrenvollste Stelle, nämlich das altehrwürdige Gotteshaus Riedlingens vorzuschlagen. Der katholische Kirchenstiftungsrat hat hiezu bereitwilligst seine Einwilligung gegeben und vom nächsten Frühjahr ab wird neben dem Denkmal auf dem Friedhof auch die Namentafel den Ruhm der Gefallenen und die Dankbarkeit der Gemeinde verkünden.

Allen, die sich um die Denkmalsfrage Verdienste erworben haben, besonders Herrn Alt-Stadtschultheiß Maier, Herrn Stadtschultheis Fischer, den Mitgliedern der Denkmalskommission, dem Gemeinderat und vor allem dem Künstler selbst, sei hier öffentlich Dank gesagt. Der schönste Dank für alle Mühe ist das gelungene Werk selbst.




Stuttgart
Bayerischer Kurier und Münchner Fremdenblatt
Dr. A. Breucha
24.05.1930


An der St. Georgskirche in Stuttgart
Am Sonntag, den 25. Mai, wird in Stuttgart die von den Architekten Schlösser und Weirether in Stuttgart erbaute St. Georgskirche geweiht. Stuttgart hat damit zu seinen schönen modernen Profanbauten nun ein eben so schönes wie moderne kirchliches Bauwerk erhalten. An der Heilbronnerstraße, einer der Hauptausfallstraßen der Stadt, ist der wuchtige, durch klare und strenge Linienführung ausgezeichnete Bau breit hingelagert. Ein kräftiger Turm mit schöner breiter Freitreppe beherrscht von der Straße her die Seitenfront, die allerdings durch das anstoßende Gemeindehaus etwas beeinträchtigt wird. Am Turm über dem Haupteingang hat der aus Unlingen bei Riedlingen stammende Münchner Bildhauer Karl Rieber einen etwa 6 Meter hohen St. Georg zu Pferd geschaffen. Für Bauherrschaft und Architekt war es kein Wagnis, Rieber mit dieser Aufgabe zu betrauen. Sie kannten ihn von der ebenfalls von Schlösser erbauten Canisiuskirche in Friedrichshafen, wo die mehr als 3 Meter hohe Kreuzigungsgruppe an der hohen hinteren Giebelwand gleichfalls von seiner Hand stammt.

Was Riebers frühere Werke, seine Kreuzigungsgruppen von Fridrichshafen, Mengen und Riedlingen, seinen hl. Sebastian in Rottweil kennzeichnet, kehrt auch hier wieder. Es ist die ihm eigene Schlichtheit und tiefe der Empfindung. Er liebt keine großen Gesten, seine Figuren haben nichts gekünsteltes oder Erzwungenes, sondern sind einfache natürliche Menschen. Ebenso einfach und klar sind die Linien, die seine Figuren und Gruppen beherrschen. Er greift nicht den Augenblick wildester Leidenschaft, den Höhepunkt des Kampfes mit dem Drachen oder das Ringen mit dem Tode am Kreuz oder Marterpfahl heraus. Bei ihm ist der Kampf zu Ende oder Held im Siege verklärt. Über seinem Haupte liegt ein göttlicher Friede.

St. Georg hat eben den Sieg errungen, der Drache liegt tot zwischen den Beinen des Rosses und lässt seine breite Zunge weit in die Konsole herunterhängen. Bei einem solchen Untier glaubt man gerne, dass der Kampf nicht leicht war. Man glaubt aber auch, dass der mächtige Gaul beim Kampfe nicht zurückgewichen ist, sondern stehen blieb, wie er jetzt noch steht. St. Georg aber zeigt keine stolze Siegermiene. Er hat die Lanze zu Boden gesenkt, hält sie im Arme und hat auf seinem Pferd halb nach links gewandt die Hände zum Gebet gefaltet; er dankt still und schlicht, aber inbrünstig seinem Herrn für die Hilfe. Er ist nicht nur eine Kraftnatur, sondern wirklich ein Heiliger, aus dessen edlen Zügen ein tiefer Ernst spricht. Der Kampf, den er gefochten, weist über den Augenblick hinaus, hat symbolische Bedeutung.

Die Bescheidenheit des Helden ist aber alles andere als Schwäche. Diese mächtigen Arme vermochten die Lanze gut zu führen, das Roß zu meistern. Dieses ist übrigens dem Retter ebenbürtig. In seinem gedrungenen Körper steckt eine unbändige Kraft. Den Angelpunkt der ganzen Gruppe aber bildet der beinahe im rechten Winkel zum Pferd liegende linke Fuß des Reiters. Wenn er nicht sitzt fallen Ross und Reiter auseinander. Rieber aber beherrscht ihn meisterhaft. So sitzt St. Georg mit einer Selbstverständlichkeit zu Pferd, als könnte es nicht anders sein.

Der zur Plastik verwendete helle Crailsheimer Muschelkalk fällt aus den dunklen harten Klinkern des Turmes heraus. Das birgt gewisse Gefahren in sich, weil die Plastik unter Umständen wie Marzipan wirken kann. Rieber ist dieser Gefahr entgangen durch die Kraft, die er in sein Werk gesteckt und die große einfache Linienführung, die er seiner Gruppe gegeben hat. Auf diese Weise bewahrt sie sich ihre Selbständigkeit, beherrscht aber dennoch den Turm und gibt diesem wieder im Rahmen des gesamten Bauwerkes die führende Stellung. St. Georg in Stuttgart ist zweifellos Riebers reifstes Werk.



Broschüre
Der Privatarchitekt

Die St. Georg-Kirche in Stuttgart
Prof Dr. H.

Auszug
... Über dem monumentalen Haupteingang , zu dem eine breite feierliche Treppe führt und der von dem kraftvoll-ernsten Turm gekrönt wird, hat Karl Rieber, München, eine des Baues wahrhaft würdige Gruppe des Kirchenpatrons, des hl. Georg, in einer Größe von annähernd 6 Meter geschaffen. Der Ritter ist in dem Augenblick dargestellt, da er nach vollendetem Sieg über den Drachen zum Dankgebet seine Hände faltet. Die gewaltige Reiterfigur in ihrer monumentalen Größe bedeutet einen Markstein auf dem Gebiet der gebundenen Architekturplastik.

Alles an der aus dem warmen prachtvollen Crailsheimer Muschelkalk herausgehauenen Gruppe ist vom Innersten heraus beseelt und vergeistigt. Bewusst und absichtlich ist um der monumentalen Wirkung willen auf alle billigen Ausdrucksmittel Verzicht geleistet; nur die große Architekturform ist in klarster und einfachster Prägung herausgearbeitet, aber so urgewaltig, so machtvoll, so majestätisch, dass das Bildwerk zu den bedeutendsten religiösen Plastiken der Gegenwart zu rechnen ist und dass es eine bedeutsame Breicherung der an Monumentalplastik nicht überreichen Stadt Stuttgart darstellt.

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