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Die Spanische Grippe am Ende des 1. Weltkrieges

Das war ein schreckliches Jahr für das kleine Dorf Möhringen, das Jahr 1918.
Die Spanische Grippe verschonte Unlingen und Göffingen, nicht aber Möhringen, Dietelhofen und Uigendorf.

Während in den Jahren vor dem Kriegsbeginn in Möhringen durchschnittlich 4 Menschen verstarben, mussten im letzten Kriegsjahr 15 Tote beklagt werden. Neben 5 gefallenen Soldaten gab es Ende Oktober, Anfang November 1918 sechs Opfer der Spanischen Grippe. Besonders tragisch daran: Es waren 4 Kinder, wobei in zwei Familien jeweils zwei Kinder verstarben. Die 13 und 14 Jahre alten Geschwister verstarben in beiden Familien jeweils binnen einer Wochenfrist.
In Dietelhofen und Uigendorf gab es jeweils 3 Opfer durch die Spanische Grippe. In diesen beiden Dörfern waren es Erwachsene.
Unlingen und Göffingen blieben wunderbarerweise verschont.


Niemand kam auf die Idee, die Grippe könne das Werk eines Virus sein, jener damals unbegreifbaren Krankheitsursache, jenseits der Grenze des Sichtbaren. Ein solches Etwas hatte man nicht in Verdacht, da niemand es bis dahin gesehen hatte, kleiner als alle bekannten Bakterien. Von ihnen wusste man schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts, dass man sich anstecken konnte. Das Wesen der Viren war noch nicht gelüftet, so entstand auch der Begriff Virus, er bedeutet im Lateinischen Gift. Die Wissenschaft hatte zwar große Fortschritte gemacht in der Erfindung von todbringenden Kriegsgeräten, das Wissen zum lebensrettenden Umgang mit Infektionskrankheiten war mager.

Hätte man in Möhringen gewusst, wie schnell und einfach und auf welchen Weg das Virus übertragbar ist, hätten vier Schulkinder eine Chance gehabt und den Familien wäre großes Leid erspart geblieben.

Vor 100 Jahren begann sich innerhalb von Monaten die Spanische Grippe über alle Kontinente hinweg auszubreiten. Die Spanische Grippe infizierte jeden dritten Erdbewohner, 500 Millionen Menschen. Von 1918 bis 1920 starben an ihr weltweit Millionen Menschen, die Schätzungen schwanken zwischen 25 und 75 Millionen. Viele Forscher sprechen vom größten Sterben des zwanzigsten Jahrhunderts. In Deutschland zählt man 250 000 bis 500 000 Grippetote. Der Erste Weltkrieg kostete 9 Millionen Soldaten das Leben, davon rund 2 Millionen deutsche Soldaten.

In nur neun Monaten, von März bis November 1918 überrollten zwei Grippewellen ganz Europa, schon im April hatte die Epidemie die Streitkräfte in den Schützengräben der Westfront erreicht. Die Zahl der deutschen Soldaten an der Westfront sank auf beinahe die Hälfte. Auf deutscher Seite waren 900 000 Soldaten außer Gefecht. Es wird von Ludendorff, General der obersten Heeresleitung und Stellvertreter Paul von Hindenburgs, berichtet, dass er nach der gescheiterten Frühjahrsoffensive 1918 der Meinung war, der Mangel an Kartoffeln und das Auftreten der Spanischen Grippe habe ihm den Sieg geraubt.

Als die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandes am 11. November 1918 beendet wurden, hatten 41 Soldaten ( auf Kriegerdenkmal) von Unlingen ihr Leben verloren, fast alle an der Westfront, der erste schon am 22.8.1914 im Alter von 24 Jahren, der letzte fiel mit 27 Jahren an der Front am 28.8.1919. 63 Kriegsteilnehmer (laut Ehrentafel im alten Rathaus) überlebten und kehrten ins Heimatdorf zurück. Glücklicherweise hatte zu diesem Zeitpunkt die Krankheitswelle in Europa schon ihren Höhepunkt überschritten und die Heimkehrer brachten glücklicherweise keine Erreger mit nach Hause.

Die Spanische Grippe war die größte tödliche Krankheitswelle seit der Pest des Mittelalters und dem großen Sterben in Folge des 30jährigen Krieges.
Auch in Unlingen wurde damals massenhaft gestorben. Nach der Beschreibung von Anna Johanna Hermanutz, der Klostervorsteherin des Unlinger Fanziskanerinnenklosters, war beinahe das ganze Dorf durch die Folgen des des 30jährigen Krieges ausgestorben: „zu welcher Zeit der völlige schwedische Krieg im Lande gewesen, und nicht nur allein 7 Mitschwestern innerhalb 6 Wochen an der damals grassirenden Sucht, sondern auch andere 600 Personen von hiesiger Burgerschaft, theils vor Hunger, theils auch an bemeldter Sucht elendiglich gestorben sind“.

Die Menschen waren früher weniger gesund und robust als heute. Die Infektionskrankheiten stellten die größte Bedrohung der Gesundheit dar. Wenn man einmal angesteckt und erkrankt war, konnte man wenig tun. Der Tod war ein häufiger Gast.

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