An der Fortsetzung wird noch gearbeitet
Die NS-Bewegung machte auch vor Unlingen nicht Halt.
Quelle: Gemeinderatsprotokoll B 19
Ab 16.12.1930
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Obwohl die nationalsozialistische Bewegung anfänglich eine Randerscheinung im politischen Leben der Weimarer Republik darstellte, schaffte es die im Februar 1925 wiedergegründete NSDAP, innerhalb von etwas mehr als fünf Jahren zu einem wichtigen politischen Faktor heranzuwachsen und in drei weiteren Jahren - letztlich mit dem Erlaß des Ermächtigungsgesetzes - reichsweit alle wesentlichen politischen Machtzentren entscheidend zu besetzen.
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Historischer Überblick
1930 Die Reichstagswahl bringt erste kleine Wahlerfolge für die NSDAP
1932 Große Wahlerfolge für die NSDAP bei der Reichtagswahl (37,3% reichsweit )
Unlinger Wahlergebnis: NSDAP 16,5%
1933 Adolf Hitler wird am 30. Januar zum Reichskanzler ernannt
1933 Am 28. Februar brennt das Reichstagsgebäude
1933 Reichstagswahl am 5. März
Unlinger Wahlergebnis: NSDAP 141 Stimmen ( 33,7 %), Zentrum 278 Stimmen ( 66,3%), SPD 5 Stimmen, Kampffront Schwarz-Weiß-Rot 9 Stimmen, Bauern- und Weingärtnerverbund 9 Stimmen
1933 Die Machtergreifung
Das Reichstags-Parlament verabschiedet das Ermächtigungsgesetz, wodurch die NSDAP weitgehende Macht erhält und ihre Ideologie mit Unrecht und Terror umsetzt.
Wie sich der Nationalsozialismus in Unlingen entwickelt hat.
Der Nationalsozialismus ergriff auch die kleinsten Dörfer, umgesetzt durch engagierte Parteigenossen. Schrittweise nahm die NS-Politik Einfluss auf das lokale Geschehen, die Ideologie zog schleichend in den Alltag ein und hatte später schwerwiegende Folgen.
Zu Beginn der Weltwirtschaftskrise wurde Hermann Kräutle aus Ehingen zum Bürgermeister von Unlingen gewählt. Die Amtseinsetzung war am 1. August 1929.
Zu dieser Zeit war er noch kein Parteimitglied, und die NSDAP spielte in Oberschwaben und im Reich keine bedeutende Rolle. Die stärkste politische Partei war die Zentrumspartei, die konservative, katholische Wählerschaft vertrat. Bei der Reichstagswahl 1932 erhielt die Zentrumspartei in Unlingen auf 72,2%, während die NSDAP auf 16,5% kam. Der Zuspruch für die NSDAP war also noch gering. Wie konnte die NS-Bewegung dennoch ins Dorfleben eindringen, wo es doch erst wenige Wähler für sie gab?
Nach dem Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933 konnten die Nazis uneingeschränkt nach ihren Vorstellungen agieren, da sie nun die ganze gesetzgebende Gewalt besaßen und eigenmächtig Gesetze erlassen konnten.
Noch am 12. März 1933 tagte der Gemeinderat noch mit dem Bürgermeister Kräutle und den 10 gewählten Gemeinderäten:
Bauknecht Albert, Pfaff Joh. Baptist, App Engelbert, Schirmer Karl, Moosbrugger Josef, Halbherr Josef, Schmid Karl (Neubauer), Schönle Lukas, Selig Hygin, Buck Xaver. Sie waren die letzten frei gewählten Gemeinderäte.
Am 5. Mai 1933, in der darauffolgenden Sitzung gab es nur noch 6 Gemeinderäte:
Pfaff Joh. Baptist, Roth Josef, Bücheler Paul, Moosbrugger Josef, Hagel Dominikus, Selig Karl (Elektromeister)
Grundlage für dieses Abservieren gewählter Gemeinderäte war ein am 12. April 1933 beschlossenes Gesetz über die Neubildung der Gemeinderatsgremien. Der erste Schritt dazu war die Verkleinerung des Gremiums auf 6 Mitglieder, wobei sich diese Anzahl von der Wohnbevölkerung in Unlingen bei der Volkszählung im Jahr 1925 errechnete. Zum damaligen Zeitpunkt hatte Unlingen 851 Einwohner.
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Im zweiten Schritt wurde festgelegt, dass sich die Sitzverteilung im Gemeinderat am Ergebnis der Reichstagswahl vom 5. März 1933 zu orientieren hatte. Da nur zwei Listen mit Wahlvorschlägen eingegangen waren, von der Zentrumspartei und von der NSDAP, war von vornherein klar, dass die NSDAP zwei von 2 Gemeinderäten stellen würde.
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Über die Liste der Zentrumspartei wurden Pfaff Joh. Baptist, Bücheler Paul, Moosbrugger Josef, Selig Karl (Elektromeister) gewählt.
Für die NSDAP wurden Roth Josef und Hagel Dominikus gewählt. Ersatzmänner für die NSDAP waren Heitele Karl und Fallegger Gustav.
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Es war gerade 3 Monate her, dass in Berlin vom Parlament das Ermächtigungsgesetz verabschiedet wurde, und schon wurden im ganzen Land die Gemeinderatsgremien verkleinert und Gemeinderäte ausgetauscht. In Unlingen wurden durch die Verkleinerung des Gremiums 6 demokratisch gewählte Gemeinderäte ausgeschieden und 2 Parteigenossen konnten ins Gremium einziehen.
In dieser Sitzung am 5. Mai mit den 4 verbliebenen Ratsmitgliedern der Zentrumspartei und 2 neuen Mitgliedern der NSDAP kam es zu einer einzigartigen Begebenheit.
Vor dem Eintritt in die Tagesordnungspunkte richtete sich Bürgermeister Kräutle an den neugebildeten Gemeinderat und beglückwünschte denselben zu dieser Berufung.
Er sagte laut Protokoll:
„An die neuen Gemeinderäte richtete er die herzliche Bitte, in ihren Amtshandlungen sich nur von dem Gedanken leiten zu lassen, im Interesse des Gemeinwohls zu handeln, Pflichterfüllung bis ins Kleinste unter Hintansetzung des Persönlichen Ichs, so wie uns unser großer Volkskanzler Adolf Hitler das schönste Beispiel ist, soll auch uns beseelen. Wir alle verehren ihn, ihm wollen wir auch in der Liebe und Treue zur Heimat und zum Vaterland nacheifern und unsere Verehrung dadurch bezeigen, dass wir uns von den Sitzen erheben.“
Kräutle wurde 1933 Mitglied der NSDAP. Ob er bereits zum Zeitpunkt dieser Aktion schon Mitglied war oder erst später in die Partei eintrat, ist nicht bekannt, doch war er sicherlich ein beseelter Anhänger von Partei und Hitler.
Es ist kaum anzunehmen, dass er zu diesem Statement gezwungen wurde und er nur ein opportunistischer Mitläufer war. Aber er brachte auch die 4 Gemeinderatsmitglieder, die nicht Parteigenossen waren, dazu, Hitler in öffentlicher Sitzung zu ehren.
Doch dies war nicht die erste national-sozialistische Aktion in Unlingen. Auch über andere Wege setzte die NS-Bewegung sichtbare Zeichen. Am Mittwoch, den 19. April 1933, fand eine Feier der Gemeinde mit Fackelzug und Höhenfeuer statt, bei der auch die Musikkapelle beteiligt war. Dies geschah ebenfalls zu Ehren des Führers Adolf Hitler, dessen Geburtstag am 20. April ist.
Am 24. Juni 1933 wurde ein Fackelzug der Schuljugend veranstaltet, wieder unter der Beteiligung der Musikkapelle. Es ist anzunehmen, dass die Schüler an diesem Samstag bei dieser Parteiveranstaltung gerne mitgelaufen sind.
Am 25. Oktober 1933 haben die Nationalsozialisten durch Bürgermeister Kräutle dann ein weiteres äußeres Zeichen der neuen Verhältnisse gesetzt. Er brachte als ersten Tagesordnungspunkt den Antrag in den Gemeinderat ein:
Zu Ehren unseres Führers Adolf Hitler die Marktplatz-Linde mit „Adolf Hitler-Linde“ zu benennen. Gleichzeitig beantragte er, der Ortshauptstraße den Namen „Richard Blankenhorn Straße“ zu geben und Blankenhorn diese Ehrung durch Aushändigung eines künstlerisch gestalteten Ehrenbrief zur Kenntnis zu bringen.
5 Gemeinderäten haben den beiden Anträgen zugestimmt, 1 war als entschuldigt nicht anwesend.
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1931 wurde Richard Blankenhorn Mitglied der NSDAP, gründete in Ehingen eine Ortsgruppe und wurde dafür mit der Ernennung zum ehrenamtlichen Kreisleiter belohnt.
Bei der Landtagswahl am 24. April 1932 erhielt er über die Bezirksliste seiner Partei einen Sitz im Landtag.
Unlingen war nicht allein mit dieser Art Ehrung. Bereits im März und April beeilten sich viele Städte und Gemeinden Straßen nach NS-Größen zu benennen. Ob Kräutle dies aus der Überzeugung tat, man müsse im Dorf die nationale Gesinnung unter Beweis stellen oder aus opportunistischer Taktik, um sich beim einflussreichen Blankenhorn beliebt zu machen?
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Welche Rolle der damalige Unlinger Stützpunkt-Leiter der NSDAP spielte, ist nicht den Akten zu entnehmen. Bereits früh, am 1. November 1931 ist Karl Heitele der NSDAP beigetreten und war nach eigenen Angaben vom 1. Februar 1933 bis 1. Februar 1934 Stützpunktleiter in Unlingen.
Im Herbst 1934 übernahm Schmid Anton, Schreinermeister, nach Aufforderung dieses Amt. Er ist der Partei am 1. Mai 1933 beigetreten. Bis zu seiner Einberufung in die Wehrmacht im August 1940 führte er eine Ortsgruppe mit 28 Parteigenossen aus Unlingen. Die Ortsgruppe umfasste auch die Gemeinden Göffingen, Möhringen, Uigendorf und Offingen und hatte insgesamt eine Mitgliederzahl von ca. 80 Parteigenossen.
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Ein Stützpunkt war ein Mitgliederzusammenschluss, der noch nicht die Größe einer Ortsgruppe erreicht hatte. Laut Organisationshandbuch der NSDAP von 1937 umfasste ein Stützpunkt mindestens 15 „Parteigenossen“ und sollte die Anzahl von 50 nicht überschreiten. Eine Mitgliederanzahl darüber hinaus galt als Ortsgruppe
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Am 24. November 1933 sind die Zentrumspartei-Gemeinderäte Pfaff, Bücheler, Moosbrugger, Selig zurückgetreten. Der Zwangsauflösung kam die Partei am 5. Juli 1933 durch Selbstauflösung zuvor. Die 4 Gemeinderäte wurden dann aber im folgenden Jahr als „Hospitanten der NSDAP“ wieder aufgenommen.
So hat sich innerhalb eines Jahres der Nationalsozialismus in Unlingen eingeschlichen und ausgebreitet, unterstützt durch Bürgermeister und Parteigenosse Kräutle, unter Mitwirkung der Parteifunktionäre Heitele und Schmid.
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