Weber Familie Blank
Unlingen vor 200 Jahren
Wie in vielen anderen Dörfern unserer Gegend gab es in Unlingen eine krasse Schichtung in Arm und Reich. Eine sehr große Mehrheit der Einwohner gehörte zu den Armen.
Wie erging es denen, die keinen auskömmlichen Bauernhof hatten oder nicht Müller oder Wirt waren?
Wie kann man für seine Familie ein Auskommen finden, wenn man in einem Bauerndorf lebt, aber im Grunde genommen zu wenig Land bewirtschaften kann?
Man sollte sich konkret vor Augen führen, wie unvorstellbar hart das Leben damals war, vor allem auch für die Kinder.
Als erstes Beispiel soll die Weberfamilie Blank dienen, ausgewählt für die Nachforschungen im Unlinger Gemeinde Archiv, dafür gab es einen einfachen Grund. Ignaz Blank steht an erster Stelle einer alphabetisch geordneten Handwerkerliste, dem Gewerbe Steuer Kataster, angelegt im Jahr 1835.
Der einfache und kurze Eintrag lautet: Ignaz Blank, Linnenweber um den Lohn, Klasse 1, treibt Feldbau mit eigener Hand und eigenem Vieh als Hauptsache.
Welche Lebenssituation sich dahinter verbirgt, liefert ein erster, sozusagen amtlicher Hinweis vom Ersteller dieses Katasters. Dort ist als Randnotiz zu den Webern in Unlingen angemerkt: „Der hiesige Ort ist mit Webern so übersetzt, dass die in die niederste Stufe eingetragenen Weber beinahe gar keine Arbeit haben und sich auf ihrer Profession nur äußerst wenig zu verdienen vermögen. Die in der zweiten Stufe eingetragenen sind kaum besser und auch nicht selten ohne Arbeit.“
Bei den Nachforschungen in den Unlinger Archiven kann man eine Reihe konkreter Informationen zu den Familien Johann Blank und dessen Sohn Ignaz finden. Johann Blank stammt aus Möhringen, er heiratete als 31-jähriger 1803 nach Unlingen, seine Ehefrau war Antonia Setz von hier. Sie bewohnten ein Drittel des Gebäudes G 66.
​
Es ist im Stock gelegen, direkt gegenüber dem Alten Rathaus. Inzwischen ist es abgebrochen, es war ein großes zweistöckiges markantes Haus. Die Älteren unter uns kennen es unter dem Namen „Alte Molke, Haubühl“. Es ist ein typisches Wohngebäude für Unlingen, wo sich vielfach zwei oder noch mehr Familien ein zweistöckiges Wohnhaus teilen mussten. Von der Größe her ist es vergleichbar mit dem schräg gegenüber liegenden Wohngebäude der Schmied-Familie (Prangabauer). Im Wohnteil der Familie Johann Blank lebten im Verlaufe der Jahre immer mehr Personen. Das Ehepaar bekam im Verlaufe der nächsten 14 Jahre insgesamt acht Kinder. Das erste und das letzte Kind verstarben schon als Kleinkinder an Abzehrung. Dass viele Kinder schon früh gestorben sind, war damals kein Einzelschicksal. Im Sterberegister wird auch für die Mutter Antonia, die im Jahr 1818 verstarb als Todesursache Abzehrung angegeben. Darunter kann man sich eine starke Abmagerung, körperlichen Verfall, einhergehend mit Entkräftung und Erschöpfung (infolge Mangelernährung oder Krankheit) vorstellen.
Als Antonia, die erste Ehefrau des Johann Blank, mit 42 Jahren am 27.12.1818 an Abzehrung starb, hinterließ sie ihren Ehemann mit Kindern im Alter von 13, 12,11, 8, 5, 3, 1 Jahren. Ein halbes Jahr später verheiratete sich Johann Blank aus familiärer Not heraus in zweiter Ehe mit Theresia Herter, sie war 42 Jahre, Johann 47 Jahre alt. Drei Monate vor der zweiten Ehe Schließung starb Leonhardt, das jüngste Kind aus erster Ehe, mit einem Jahr und acht Monaten. Im Hauswesen dieser zweiten Ehe lebten somit die beiden Eheleute und sechs Kinder aus erster Ehe und die uneheliche Tochter von Theresia, also neun Personen.
Abzehrung ist ein allgemeiner Verfall der Kräfte, schließlich ein völliges Aufhören aller körperlichen Leistungen, wie es in der natürlichen Entwicklung beim hohen Greisenalter vorkommt. Auszehrung war vor zweihundert Jahren eine häufig angegebene Todesursache.
Naheliegend, angesichts der ökonomischen Verhältnisse der Familie und auch der allgemeinen wirtschaftlichen Situation in jenen Jahren.
Über 20 Jahre hinweg dauerten die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den europäischen Großmächten und Frankreich. Die napoleonischen Kriege brachten viel Elend nach Unlingen.
Link
Siehe auch die auf der von Ortschronik von Kob und Kraus beruhende Ausarbeitung „Erbermliche Zeiten Teil 1, 2 und 3
Aus der Beschreibung des Oberamts Riedlingen von 1827
„Im J. 1796 sah das Oberamt zum ersten Mal wieder franz. Truppen in seiner Mitte, anfänglich bey dem Vordringen Moreau’s, noch mehr aber nachher bey seinem Rückzuge, wo am 28. Sept. sein linker Flügel unter dem General Desair eine Stellung zwischen der Donau und dem Federsee nahm und der Fuß des Bussen mit Artillerie besetzt wurde. Desair, der selbst auch auf den Bussen kam, warf von hier aus in dem Gefechte am 30. Sept. die Östreicher über Ahlen zurück, und begann von derselben Stellung aus am 2. Okt. den Angriff in der Schlacht bey Biberach gegen Seekirch hin. Am 5. Okt. setzten die Franzosen ihren Rückzug weiter fort. Im J. 1799 erschienen sie abermals; in demselben Jahre zog auch die Russische Armee unter Korsakow durch Riedlingen und das Oberamt nach der Schweiz, und bey dem Rückmarsch Suwarows aus Italien hatten 10 Kosakenregimenter in und um Riedlingen sich gelagert. Im May 1800 rückte Moreau wieder durch das Oberamt vor und die Östreicher zogen sich vor ihm durch dasselbe zurück. In der Folge gab es viele Einquartierungen von Östreichern und Franzosen; 1809 wieder starke franz. Durchmärsche, darunter auch eine Division Portugiesen, und von 1813 bis 1816 zogen bald Östreicher, bald Russen durch.“
Das waren mindestens 10 größere Durchmärsche und Einquartierungen feindlicher Truppen oder Truppen von Verbündeten.
Was das konkret für die Weberfamilie Blank bedeutete, kann man aus einer Abrechnungsliste zu den Einquartierungen vom 23. April 1815 bis 28. Februar 1816 entnehmen (Gemeindearchiv Aktenbündel 452). Allein in diesem Zeitraum musste das Dorf Unlingen unvorstellbare Zahl von 11.917 Einquartierungen (Soldaten/Nacht), sowie 10.193 Pferde aufnehmen. Die Männer wurden auf die einzelnen Haushaltungen verteilt und gemäß des jeweiligen Steuerbetrags der Steuerpflichtigen verrechnet. Für Johann Blank ergab sich demnach, dass er für jeden 13 Steuerkreuzer zweieinhalb Mann aufnehmen musste, das waren für ihn 33 Einquarierungen. Tatsächlich hat er wirklich 29 Männer Quartier gegeben. Für die Minderzahl musste er 1 Gulden und 48 Kreuzer an die Gemeindekasse bezahlen.
Zusätzlich zu den damals 6 Kindern, das älteste war damals 10 Jahre alt, und den Eltern mussten im Haushalt mit einer Wohnung, die nur 1/3 des Hauses G66 umfasste, die einquartierten Männer versorgt werden. Zudem war die Hausfrau schwanger, am 14. Dezember 1815 kam ihr 7. Kind zur Welt.
Die Hungerjahre 1816/17 brachten die größte Hungersnot des 19. Jahrhunderts. Das Jahr 1816 ist als Jahr ohne Sommer bekannt, hervorgerufen durch eine damals unerklärliche Klimakatastrophe infolge des heftigen Vulkanausbruch (Tambora) in Indonesien.
Link Siehe auch den Beitrag „Jahr ohne Sommer“
Auszug aus einer Niederschrift der Gemeindepfleger Kraus und Kob in der Gemeindechronik (Gemeinderegistratur B 196)
1816
Vom spet Jahr 1815 bis in Juli 1816 ist 
eine große Teuerung an Früchten gewesen. 
Nemlich Korn das Semre von1 fl 30 ist hinauf 
gestiegen bis auf 5 fl. 
Gerste von 1 fl bis daher auf 2 fl 45 bis 50 kr 
Rogen von 1 fl 8 kr bis da auf 3 fl 12 bis 20 kr
Es leßt sich bedenken wie ein Armuth under 
die Leute war.
Wie war während dieser Zeit die ökonomische Situation der Familie des Johann Blank und später auch der Familie seines Sohnes Ignatz?
Die zu entrichtende Amtssteuer des Jahres 1818 belief sich bei Johann Blank auf 1 Gulden 19 Kreuzer 4 Heller, darin sind zusammen gefasst Grundsteuer, Gebäudesteuer, und Gewerbesteuer. Alle weitere Steuerabgaben des Jahres 1818 eingerechnet, liegt er auf Rang 112 von 176 Steuerbaren des Dorfes. (Signatur B 479 Nr 136)
Man kann davon ausgehen, dass das damalige Steuersystem die Abgaben korrekt nach dem vorhandenen Grundbesitz, den Wohnungen und dem ausgeübten Handwerk berechnete. Die Angaben, nach denen die Steuersumme berechnet wurde, sind im Jahr 1816 erhoben worden. Jeder Bürger musste damals die Steuerobjekte unter Zeugen selbst angeben und beeidigen. Somit bildet die entrichtete Steuersumme genügend differenziert die jeweilige ökonomische Situation ab. Und die war für die Familie Blank recht bescheiden
Mit seiner Amtssteuer von 1fl, 19kr, 4hl (Gulden,Kreuzer,Heller) liegt Johann Blank ökonomisch gesehen deutlich unter dem Durchschnitt aller Steuerpflichtigen, der knapp über 3 Gulden betrug. Deutlich wird die Situation erst, wenn man den steuerlichen Durchschnittswert der 19 Weber von knapp über 1 Gulden dem Durchschnittswert derjenigen Vollbauern gegenüberstellt, die kein Handwerk betreiben mussten. Deren Durchschnittswert lag um das Zehnfache höher bei 11 Gulden. Auch innerhalb der Vergleichsgruppe aller 75 steuerpflichtigen Handwerker zeigt sich die schwierige ökonomische Situation der Weber. Der Durchschnittswert der Amts-Steuerabgaben aller Handwerker liegt doppelt so hoch, bei knapp über 2 Gulden.
Als Weber war Sohn Ignaz Blank wie seine Kollegen in die Steuerstufe 1 gesetzt und musste als Gewerbesteuer nur 24 Kreutzer jährlich entrichten. (Signatur B 466, 1835) Dies war die niedrigst mögliche Einstufung. Keiner der anderen Weber hatte eine höhere Einstufung. Zum Vergleich, von den 15 Maurern des Dorfes hatte keiner weniger als 30 Kreutzer Steuer für seine Handwerksleistungen zu entrichten, ebenso die 12 Schuhmacher.
Wenn durch das Weben kaum etwas verdient werden konnte und so wenig einbrachte, dass es nur zu niedrigsten Steuerklasse reichte und auch der Feldbau so gering war, dass damit keine Einnahmen zu erzielen waren, so blieb den Webern nur das, was die meisten Handwerker dann machen mussten. Sie waren gezwungen, sich als Tagelöhner bei den Bauern Arbeit zu suchen. Darin muss Johann Blank immerhin so erfolgreich gewesen sein, dass er seine Steuern pünktlich bezahlen konnte. Im Steuer-Abrechnungsbuch vom Jahr 1818 ist vermerkt, dass er seine Steuer von 5 Gulden 4 Kreuzer 6 Heller bis zum Ende des Steuerjahres gänzlich abbezahlt hat. Dies hat er in 9 Raten mit einem maximalen Betrag von 40 Kreuzern geschafft.
Zum Bewirtschaften stand Johann Blank zur Verfügung (Signatur B 49, 1826):
Ein Acker mit 7/8 Morgen am Zeller Weg, Dorfösch
Ein Acker mit 3/8 Morgen auf den Bühlen, Dorfösch
Zwei Krautländer in den oberen und mittleren Laugelen, zusammen etwas weniger als 1/8 Morgen
Ein Gemüsegärtlein beim Haus mit rund 16 Quadratmetern.
Mit der Bemerkung „treibt Feldbau mit eigener Hand und eigenem Vieh als Hauptsache“ liegt der Gewerbesteuer-Schätzer grob daneben. Man kann nicht von Feldbau als Hauptsache sprechen, wenn man nur zwei kleine Äcker umtreibt.
Erschwerend kommt noch hinzu, dass Johann Blank nicht in allen drei Öschen eine Anbaufläche bewirtschaftete. Da er nur im Dorfösch Felder hatte, hatte er durch die Wirtschaftsweise der Drei-Felder-Wirtschaft schwere Nachteile. Immer wenn im Dorfösch die Äcker in Brache lagen, also dort kein Getreide angebaut wurde, konnte er weder Korn, Roggen, noch Gerste oder Hafer ernten. Was ihm fehlte musste er hinzukaufen. Dazu blieb ihm nur sein Handlohn als Tagelöhner.
Im Hungerjahr 1816 lag das Dorfösch in Brache, im darauffolgenden noch magereren Erntejahr wurde im Dorfösch als Winterösch Korn (Dinkel) und Roggen angebaut. Wohl denen, die im Herbst für die Aussaat der Winterfrucht noch Saatgut oder das Geld hatten, sich solches zu teuren Preisen zu kaufen.
Nach einer Erhebung aus dem Jahr 1816 waren in Unlingen rund 40 Prozent der Flurstücke grundeigene Äcker und Wiesen und rund 60 Prozent als Lehen bewirtschaftete Flurstücke (Signatur B 474). Eigenbesitz konnte gekauft, verkauft, verpfändet werden. Deshalb gab es hier im Dorf einen regen Grundstücksmarkt.
In den Gerichtsbüchern von 1810 bis 1826 (Signatur B28, B29, B30) sind die Kaufhandlungen und Verpfändungsgeschäfte amtlich protokolliert, nachdem sie vor dem Gemeinderat verhandelt wurden. In diesen 15 Jahren wurden von den Webern erwartungsgemäß nur wenige Grundstücksgeschäfte getätigt. Johann Blank kaufte 1819 einen Acker, der aus einer Erbsache heraus erworben werden konnte, für 203 Gulden, auch wieder im Dorfösch gelegen. Der Kaufzins war innerhalb von 6 Jahren abzuführen. Nach 5 Jahren musste er aber für einen Kredit von 100 Gulden zwei seiner Äcker im Dorfösch verpfänden.
Johann Blank verstarb im Alter von 61 Jahren am 14. November 1833 an Schwindsucht und Lungensucht, seine Ehefrau Theresia verstarb 2 Monate zuvor im Alter 57 Jahren an hitzigem Fieber (Signatur B207).
Der einzige überlebende Sohn Ignaz muss nun das Hauswesen übernehmen. Auch er arbeitet als einfacher Weber und Tagelöhner. Schon einen Monat nach dem Tod des Vaters trifft der 26 jährige Ignaz eine Heiratsabrede mit Cresenz Dangel aus Neufra. Die Eheverabredung ist im Aktenbündel 250 mit Nr. 160 dokumentiert:
Eheverabredung und Ehe- respective Erbvertrag
Ignatz Blank, Weber, 26 Jahre alt
Sohn des weiland Johann Blank, Weber und der weiland Antonia, geb. Setz
und
Krescentia Dangel, Tochter des weiland Joseph Dangel von Neufra und der Mechthild Blersch von Neufra
Der Bräutigam bringt in die Ehe, laut der Real-Abteilung von seinem Vater, als Heiratsgut 270 Gulden und einer standesgemäßen Aussteuer im Wert von 30 Gulden.
Dieses Beibringen widerlegt die Braut mit einem Heiratsgut von barem Geld mit 400 Gulden und einer standesgemäßen Aussteuer im Wert von 150 Gulden.
Das ist ein sehr bescheidener Start für ein neues Hauswesen. Die Familie wächst rasch. In den nächsten 14 Jahren werden 9 Kinder in die Familie hineingeboren. 4 Kinder überleben jeweils nicht das erste Lebensjahr, versterben noch als ganz junge Säuglinge. Die beiden ältesten Kinder wandern aus, Tochter Mechthild in die Schweiz, Tochter Felicitas nach Amerika.
(Signatur B208, Leichenregister der Gemeinde Unlingen)
Antonia Blank, gestorben am 24. Januar 1838 im Alter von 20 Wochen an Abzehrung ohne ärztliche Behandlung
Joseph Blank, gestorben am 28. Oktober 1838 im Alter von 7 Wochen an Gichter und Abzehrung ohne ärztliche Behandlung
Johann Blank, gestorben am 23. Dezember 1839 im Alter von 16 Tagen an Gichter ohne ärztliche Behandlung
Carl Blank, gestorben am 2. Februar 1841 im Alter von Tagen an Gichter ohne ärztliche Behandlung
Diese hohe Kindersterblichkeit ist leider keine außergewöhnliche Besonderheit. Es finden sich bei weiteren Unlinger Familien solche Fälle, in denen mehrere Kinder aus einer Familie schon früh gestorben sind. In nur wenigen Familien bleiben alle Kinder bis ins Erwachsenenalter am Leben. Aus den kirchlichen Familienregistern ist dies aus sichtlich, dort ist nicht nur die Geburt der Kinder sondern auch der Tag der Erstkommunion verzeichnet, wenn sie so lange am Leben blieben.
Ein prominentes Beispiel gehäufter Kindersterblichkeit innerhalb einer Familie ist die Familie des Unlinger Pfarrers Konrad Schmid.
Die hohe Kindersterblichkeit in Unlingen lässt sich über viele Jahrzehnte hinweg belegen. Wobei es sich zeigt, dass es nicht vorwiegend Familien betrifft, deren ökonomischen Verhältnisse bescheiden und mager waren. Es gibt diese Kindersterblichkeit verteilt über alle Schichten des Dorfes. Bei den wohlhabenden Bauern genauso wie bei den Kleinstelleninhabern, den Handwerker und Tagelöhnern.
Vom Totenbeschauer Franz Joseph Munding, Chirurg in Unlingen, ist eine Toten-Leichen-Liste der Jahre 1825 bis 1832 erhalten (Gemeindearchiv Unlingen Signatur B207). Die Auswertung seiner Aufzeichnungen ergibt folgende Durchschnittswerte.
In diesen 9 Jahren starben in Unlingen 274 Personen. Darunter waren 145 Kinder im Alter bis 12 Jahren. Der Großteil dieser Kinder verstarb noch vor dem ersten Geburtstag. In der Altersgruppe der Kinder bis zu 1 Jahr waren es 108 Kleinkinder. Dies sind 39,4% der Verstorbenen.
Wenn man die im Alter von unter einem Jahr verstorbenen Kinder auf die Anzahl der lebend geborenen Kinder des entsprechenden Jahres bezieht, erhält man folgendes Verhältnis. Von den in diesen 9 Jahren 305 Geborenen starben schon bei der Geburt 17 Kinder und während des ersten Lebensjahres 108 Kleinkinder. Dies sind 37,5% der lebend geborenen Kinder.
In ganz Oberschwaben starben überdurchschnittlich viele Kinder. Das statistische Amt des Königreichs Württemberg veröffentlichte 1863 über die Kindersterblichkeit: "Die württembergische Kindersterblichkeit ist die größte unter allen europäischen Ländern und dies über einige Jahrzehnte hinweg. Nicht nur im Jahr Zehnt 1812-1822 mit seinen besonderen Ereignissen, wie die kriegerischen Auseinandersetzungen während der napoleonischen Kriege mit ihren Durchmärschen und Einquartierungen und fünf schlechten Erntren und ein völliges Hungerjahr.
Über die Gründe schreibt Professor Köstlin: „Südlich von der Alb und besonders südlich der Donau ist es beim Landvolk allgemeine Sitte, die Kinder nicht an der Brust sondern auf künstliche Weise aufzuziehen. Die Bauersfrauen verwerfen das Säugen als eine Unbequemlichkeit, ja sogar als ein Geschäft, dass unter ihrer Würde sei. An die Stelle der Muttermilch tritt aber hier die unpassendste Nahrung, nämlich ein Mehlbrei von möglichster Dicke, der dem Kinde in großem Maße und oft auch in schlechter, saurer Qualität beigebracht wird.“ (Das Königreich Württemberg, Eine Beschreibung von Land, Volk und Staat, Stuttgart, 1863, Seite 365)
Über die Kindersterblichkeit in Württemberg gibt es nachweislich folgende Angaben (Königl. Statistisch-Topographisches Bureau, Stuttgart, 1863)
Württemberg hat für das Jahrzehnt 1846-1856 von den lebend geborenen Kindern 42,2% die im ersten Lebensjahr starben. Für die Oberämter ergaben sich für Riedlingen 48,4%, Saulgau 48,3%, Ehingen 47,9% der lebend Geborenen.
Zum Vergleich: Während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts liegt für Europa der Gesamtdurchschnitt der im ersten Lebensjahr Gestorbenen bei 25,6%.
Was sind die Gründe für die erschreckend hohe Werte bei der Säuglingssterblichkeit in Unlingen und den benachbarten Oberämtern?
Eine kurze Bemerkung von von Michel Buck, Landarzt von Ertingen gebürtig, weist auf eine überraschende Ursachenbeschreibung hin. 1865 schreibt er: „ Ursache der selben sind die unzweckmäßige, naturwidrige, künstliche Auffütterung der Kinder, da fast in ganz Oberschwaben die Unsitte herrscht, den Neugeborenen die Muttermilch zu versagen… nun füttert sie der Unverstand von der ersten Stunde an gleich mit Mehlbrei und der gleichen“. (Michel Buck, Medizinischer Volksglauben und Aberglauben aus Schwaben, 1865)
Totenbeschauer Franz Joseph Mundung, Chirurg und Wundarzt in Unlingen, verzeichnete in der Toten-Leichen-Liste der Jahre 1825 bis 1832 (Gemeindearchiv Unlingen Signatur B207) als Todesursachen bei den Kindern, die noch im ersten Lebensjahr starben nur wenig verschiedene Krankheiten. Es waren dies neben Infektionskrankheiten wie Durchfall, Keuchhusten, Scharlach auch Abzehrung, Schwäche und Gichter. Erstaunlich ist häufige Nennung von Gichter als Todesursache. Bei 145 Kindern, die in diesem Zeitraum starben, waren es 85 Todesfälle, bei denen er Gichter als Todesursache angab (58,6%).
Heute ist Gichter als Krankheit, die zum Tode führen kann, nicht mehr bekannt. Dieser historische Medizinbegriff bezeichnete eine Erkrankung mit Krämpfen, hohem Fieber und Schüttelfrost. Die Ursache waren meistens Darmerkrankungen zusammen mit Durchfall und Erbrechen, wodurch es zu Austrocknung, Mineralienmangel und Kräfteverfall kam.
1887 verstarb Weber Ignaz Blank im Alter von 79 Jahren, seine Ehefrau Crescenz verstarb 14 Jahre vor ihm im Alter von 65 Jahren.

